Hans Heeb: Der Papst in Ermatingen und die Groppenfasnacht

Der frühere Ermatinger Pfarrer Hans Heeb berichtet über einen besonderen Bildteppich und seine Geschichte


Im Sitzungszimmer des Ermatinger Rathauses hängt seit kurzem ein beeindruckend schöner Gobelin. Er ist etwa zwei Meter breit und ein Meter hoch. Der Gobelin zeigt den Empfang des ersten Papstes Johannes XXIII in Ermatingen am 20. März 1415. Der Empfang findet im Bügen statt. Der Papst sitzt auf einem Schimmel. Er trägt das päpstliche Gewand. In seinen Händen hält er den Hirtenstab. Rechts und links sind je ein Reiter in der Aufmachung ihrer Zeit zu sehen. Im Hintergrand erkennt man die Kirche und das evangelische Pfarrhaus. Der Ermatinger Pfarrer hält die Zügel des Pferdes. Eine junge Frau und ein Knabe bringen dem Papst Groppen, Brot und Wein.

Der Gobelin ist geschaffen worden im Auftrag von Pfarrer Gebhard Hürlimann - er amtete als katholischer Pfarrer in Ermatingen von 1971 bis 1984. Als ihn dann sein Weg von Ermatingen nach Rotkreuz im Kanton Zug führte, hat er den Gobelin selbstverständlich mitgenommen. Heute lebt Pfarrer Hürlimann im Altersheim Waldheim in Zug. Er hat nun aber den Wunsch geäussert, dass der Gobelin mit dem typischen Ermatinger Motiv wieder nach Ermatingen zurückkommen möge. Er hat ihn - zusammen mit der zweibändigen «Chronik des Constanzer Concils» des Konstanzer Historikers Ulrich von Richental - unserer Einheitsgemeindeide als als Geschenk angeboten. Diese hat das Geschenk natürlich gerne angenommen. Ein Angestellter unserer Gemeinde konnte nach Zug fahren und dort das Geschenk abholen. Für dieses grosse Geschenk sei Pfarrer Hürlimann auch an dieser Stelle noch einmal ein grosser Dank ausgesprochen.

Der Papst im Pfarrhaus

Gewiss - Verschiedenes, das auf diesem Gobelin dargestellt ist, mag in Wirklichkeit etwas anders gewesen sein. Um das an einem Beispiel deutlich zu machen - der Empfang des Papstes fand nicht in Bügen statt - der Papst kam ins katholische Pfarrhaus, das damals mit grosser Wahrscheinlichkeit südlich von der Kirche stand. Solche Dinge dürfen der Freiheit des Künstlers zugeschrieben werden. An der Tatsache, dass Johannes XXIII damals in Ermatingen war, ändert es nichts. Doch - was hat es mit diesem Papstbesuch in Ermatingen für eine Bewandtnis?
Im 14. Jahrhundert erschütterten grosse Wirren Rom und den Kirchenstaat. Die Päpste residierten zeitweise in Avignon. Im Jahre 1378 standen sich zwei Päpste gegenüber. Damit begann das abendländische Schisma, die Spaltung der katholischen Kirche, die dann bis ins 15. Jahrhundert hinein andauern sollte. Im Jahre 1410 gab es schliesslich sogar drei Päpste - Gregor XII., Benedikt XIII. und Johannes XXIII. Und weil diese Situation negative Rückwirkungen auf die Politik

Der Gobelin, so wie er von Pfarrer Gebhard Hürlimann in Auftrag gegeben und von Frau Simone aus Lausanne im Jahre 1978 geschaffen wurde.

hatte, drängte König Sigismund -der spätere deutsche Kaiser Johannes XXIII., dass er ein allgemeines Konzil - eine Versammlung, die die höchsten katholischen Kirchenführer zusammenführt - einberufen solle. Dieser entsprach dem Anliegen von König Sigismund, berief ein Konzil nach Konstanz ein und eröffnete dieses am 5. November 1414 im dortigen Münster - dieses Konzil dauerte bis am 22. April 1418. Es soll 50 000 bis 70 000 Personen nach Konstanz gebracht haben.

Das Konzil beschäftigte sich nicht nur mit der Papstsituation. Bei Reformen, die beschlossen werden sollten, blieb es mehr oder weniger bei den guten Vorsätzen. Das Konzil verurteilte aber die Lehren der böhmischen Reformer Jan Hus und Hieronymus von Prag sowie des Engländers John Wyclif. Die beiden Böhmen, die in Konstanz anwesend waren, wurden verbrannt.

Die Päpste sollen zurücktreten

In einem Punkt waren sich alle Konzilteilnehmer einig - alle drei Päpste sollten zurücktreten. Der einzige, der der Aufforderung des Konzils Folge leistete und «freiwillig» zurücktrat war Gregor XII. Er starb später als Kardinal von Porto. Benedikt XIII. wurde abgesetzt. Er anerkannte die Absetzung nicht, zog sich auf eine Templerfestung bei Valencia in Spanien zurück und starb dort -nach seiner Auffassung - als amtierender Papst im Jahre 1423.

Johannes XXIII. - er war als Einziger der drei Päpste in Konstanz anwesend - floh am 20. März 1415; Herzog Heinrich von Österreich deckte die Flucht ab, in dem er in der fraglichen Zeit ein Turnier veranstaltete. Johannes XXm. ritt auf einem kleinen Pferd. Er trag einen grauen Mantel und einen grauen Hut. Dazu ein weisses Tuch, mit dem er sich vollends verhüllen konnte. Eine Armbrust sollte deutlich machen, dass er ein Knecht oder Bote wäre. Vor ihm ritt ein Knabe, der ebenfalls verhüllt war. Die Flucht führte den Papst geradewegs nach Ermatingen, wo er im Pfarrhaus von Pfarrer Konrad Kover gastlich aufgenommen, mit Groppen, Brot und Wein bewirtet wurde und sich etwas ausruhen konnte.

Ein Papst auf der Flucht

Von Ermatingen aus führte die Flucht den Papst mit einem Schiff weiter nach Schaffhausen. Als er von dort weiterfloh wurde er verhaftet und vom Konzil abgesetzt. Während vier Jahren wurde er dann auf einer Burg in Mannheim gefangen gehalten. Er kam dann wieder frei und starb im Jahre 1419 als Kardinalbischof von Tusculum-Frascati. Im Baptisterium in Florenz fand dieser erste Johannes XXIII. schliesslich seine letzte Ruhestätte. Als neuen Papst wählte das Konzil am 11. November 1417 Odo Colonna; weil der 11. November der Martinstag ist, nannte sich der neue Papst Martin V.
In Ermatingen «sagt man», dass Johannes XXIII. - aus Dankbarkeit für die gastliche Aufnahme, die ihm in Ermatingen zuteilt wurde, den Ermatingern gestattet habe, noch einmal Fasnacht zu feiern. Das aber sei nun die Groppenfasnacht, die alljährlich am dritten Sonntag vor Ostern - als letzte Fasnacht in der ganzen Schweiz - gefeiert wird. Das aber kann so nicht stimmen. Einerseits wollte Johannes XXIII. im Pfarrhaus in Ermatingenn offensichtlich nicht erkannt werden. Darum konnte er auch nicht - unter Berufung auf seine Autorität - den Ermatingern gestatten, noch einmal Fasnachtsfest zu feiern. Anderseits wurde ein «Vorgängerfest» der Groppenfasnacht in Ermatingen schon 1415 gefeiert - sei es als Fasnachtsfest, als Fest der Fischer, als Fest, bei dem es darum ging die bösen Geister zu vertreiben, als Frühlingsfest oder als Kombination vom einen und anderen. Sollen wir jetzt aber traurig sein, weil unsere Groppenfasnacht doch nicht auf Johannes XXIII. zurückgeht? In keiner Weise. Wir wollen uns vielmehr darüber freuen, dass unsere Groppenfasnacht mit einer so schönen Legende verbunden ist.

(Dieser Text ist im August 2011 im "Boten vom Untersee" erschienen.)