1932: Die Oxford-Bewegung tagt im Hotel Adler

von Pfarrer Hans Heeb

Bei der Oxford-Bewegung handelt es sich um eine interreligiöse Erweckungsbewegung, die ursprünglich im Jahr 1833 innerhalb der anglikanischen Kirche in England nach einer bedeutenden Predigt von John Keble in der Universitätskirche in Oxford entstanden ist. Ihren eigentlichen Höhepunkt erreichte die Oxford-Bewegung aber in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihre wesentliche Zielgruppe waren Studenten.

Das Photo vor dem Gasthaus Adler zeigt die vielen Teilnehmer an der Oxford-Tagung, die 1932 in Ermatingen stattfand.

Ernst Mühlemann, der immer wieder einmal im heutigen Zentrum der Oxford-Bewegung, in Caux im Waadtland, zu tun hatte, war es, der dieses Photo im dortigen Museum entdeckte. Herr Erwin Böhi, der heutige Generalsekretär der Stiftung, war dann sehr hilfsbereit und liess uns zwei Abzüge des Photos zukomnmen. So kamen wir über 70 Jahre nach der Tagung noch zu diesem Photo.

Die zweifellos bedeutendste Persönlichkeit der Oxford-Bewegung war Frank Buchmann, ein Amerikaner mit Schweizer Abstammung. Er wurde geboren im Jahre 1878 und starb im Jahre 1961. Er wirkte ursprünglich als lutherischer Pfarrer in Pennsylvania. Ein tiefgreifendes Erlebnis, das er im Jahre 1907 hatte, führte ihn dazu, sein Leben und seine Beziehungen zu andern Menschen neu zu ordnen.

Die Lehre der Oxford-Bewegung lässt sich wie folgt zusammenfassen:

- Der Mensch ist ein Sünder.
- Der Mensch kann verändert werden.
- Das Sündenbekenntnis ist die Voraussetzung für Vergebung und Veränderung.
- Der Mensch kann durch Gebet und "Stille Zeit" Gottes Willen erfahren.
- Gott wirkt auch heute noch Wunder.
- Der veränderte Mensch hat die Aufgabe, andere zur Veränderung anzuleiten.

Schliesslich sei noch folgendes festgehalten:
Wichtig sind bei der Oxford-Bewegung das Gebet und die "Stille Zeit". "Stille Zeit" bedeutet, dass die Menschen sich - mit Schreibmaterial versehen - hinsetzen, versuchen zu hören was Gott ihnen zu sagen hat, das aufschreiben, sich gegenseitig vorlesen und dann auch versuchen, im Leben das umzusetzen.

Immer wieder ist in der Lehre der Oxford-Bewegung aber auch davon die Rede, dass das Streben nach Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe wichtig sei.

Auf der Erde sollte das Reich Gottes entstehen - eine Welt ohne Krieg, ohne Furcht, ohne Hass, ohne Gier - eine Welt, in der die Industrie und die Wirtschaft dem Menschen dienen würden - eine Welt, in der der Reichtum und die Arbeit gerecht verteilt wären. Angesprochen wurden in erster Linier führende Leute aus der Wirtschaft, aus der Politik und aus dem Militär, aber auch Gewerkschaftler und Studenten. Im Jahr 1938 fand die erste Zusammenkunft auf Weltebene statt. Seit 1947 wird fast jedes Jahr eine Zusammenkunft auf Weltebene durchgeführt.

Nachfolgeorganisationen
Nach dem 2. Weltkrieg ist aus der Oxford-Bewegung die Moralische Aufrüstung (Moral Re-armament) hervorgegangen, die sich heute Initiativen der Veränderung (Initiatives of Change) nennt.

Das Zentrum der Bewegung befindet sich seit 1946 in dem Versöhnungs- und Konferenzzentrum in Caux im Kanton Waadt, einem Geschenk der Schweizer an die Bewegung.

In Caux beruhte vieles auf Gemeinschaftsarbeit. Am Tisch konnte man von einem General bedient werden. Das Zimmer wurde vielleicht von einem Minister in Ordnung gebracht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützte die Oxford- Bewegung den Aussöhnungsprozess zwischen den ehemaligen Feinden, vor allem betreffend Deutschland und Frankreich. Der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer, der 1948 nach Caux kam, brachte später seine Dankbarkeit dafür zum Ausdruck, dass die "Moralische Aufrüstung" dem deutschen Volk die Hand der Freundschaft gereicht hatte.

Der Bewegung scheinen wesentliche finanzielle Mittel zur Verfügung zu stehen. Oft werden z. B. aufwendige Werbeaktionen durchgeführt.

Nicht eindeutig ist das Verhältnis der Bewegung zum Nationalsozialismus. Im Jahr 1936 hielt Frank Buchmann eine Lobrede auf Hitler. Hitler habe eine Verteidigungslinie aufgebaut gegen den Kommunismus. Weniger Freude dürfte Hitler allerdings gehabt haben, als Frank Buchmann im Jahr 1938 der militärischen Aufrüstung die moralische Aufrüstung gegenüberstellte. Im Gegensatz zu andern Organisationen hat die Oxford-Bewegung im Nationalsozialismus keine Opfer zu beklagen, im Jahr 1942 wurden der Bewegung in Deutschland aber alle Aktivitäten untersagt Klar abgegrenzt gegenüber dem Nationalsozialismus hat sich die Bewegung aber nie.

1932 hat die Oxford-Bewegung im Adler in Ermatingen die oben erwähnte grössere Tagung abgehalten. Sicher können wir heute abschließend festhalten, dass auch ihre Nachfolgeorganisationen (Moral Re-armament und Initiatives of Change) heute nicht mehr die Bedeutung haben, die sie in den Jahren unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg für die Versöhnung in Europa gehabt haben.

(Text von Pfarrer Hans Heeb)