Die Grauen Steine von Ermatingen und Triboltingen

Bilder von Erni Keller - Text von Hans Heeb


Links Bilder von Ermatingen, rechts von Triboltingen

Der Graue Stein von Ermatingen, auf dem - nach unserer langjährigen Kindergärtnerin Luise Steiger - der ganze Kindergarten Platz gehabt habe. (Bild anklicken für grosse Bilder)

Der Graue Stein von Triboltingen: Er befindet sich in unmittelbarer Nähe des Sees und ist im Laufe der Zeit im Boden stark eingesunken. (Bild anklicken für grosse Bilder)

Artikel von Hans Heeb: Am 17. April des Jahres 1968 kamen wir von Urnäsch im Appenzellerland nach Ermatingen. Wenige Tage später erklärte unser Sohn Johannes - er ging damals in die 1. Klasse - während eines Nachtessens, dass er jetzt Freunde gefunden habe. Es wären die «Ribi-Buben» - und heute wären sie mit ihm beim Grauen Stein gewesen. So erfuhr ich selber also recht bald, dass es in Ermatingen einen Grauen Stein geben würde. Bei diesem Wissensstand in Bezug auf den Grauen Stein blieb es bei mir dann während einer langen Zeit. Erst vor wenigen Monaten erfuhr ich dann noch, dass es auch in Triboltingen einen Grauen Stein gibt.
Doch - was ist es um diese Grauen Steine? Welche Bewandtnis hat es mit ihnen? Wo sind sie überhaupt?
Der Graue Stein von Ermatingen befindet sich im Obertal, im Wald gegenüber Fruthwilen.
Der Graue Stein von Triboltingen befindet sich auf dem an den Untersee angrenzenden Gebiet, das als «Oberi Espe» bezeichnet wird auf der Parzelle T. 3109, die Willi Plüer gehört. Dieser Graue Stein war während Jahrhunderten ein Grenzstein zwischen Triboltingen und Gottlieben. Nach einer Aussage von Willi Plüer verläuft die Grenze zwischen Triboltingen und Gottlieben nach den neuesten Vermessungen nun direkt neben dem Grauen Stein - und zwar auf der Triboltinger Seite. Das aber bedeutet, dass der Stein heute auf Gottlieber Gebiet liegt. Man möge mir, der ich von Ermatingen her komme, hier eine kleine Unkorrektheit verzeihen und mir gestatten, weiter vom Grauen Stein von Triboltingen zu reden.
Dass wir von den Grauen Steinen reden, ist weiter nicht von Bedeutung. Diese Bezeichnung bezieht sich lediglich auf die graue Farbe der Steine.
Sicher handelt es sich bei unseren beiden Grauen Steinen um Findlinge. Diese werden auch als erratische Blöcke oder Erratiker bezeichnet. Diese beiden Begriffe gehen zurück auf das lateinische Wort errare, was herumirren bedeutet. Somit macht es uns schon diese Bezeichnung deutlich - die Findlinge oder erratischen Blöcke sind nicht dort, wo sie ursprünglich waren. Während der letzten Eiszeit -sie begann vor etwa 115 000 Jahren und vor etwa 10 000 Jahren begannen die Gletscher dann wieder abzuschmelzen - wurden unsere Findlinge - vermutlich eher in der letzten Zeit, in der unser Gletscher bestand - vom Rheingletscher in unsere Gegend transportiert. Beim Grauen Stein von Ermatingen - dem grössten Findling im Kanton Thurgau - handelt es sich offensichtlich um einen Muschelsandstein aus dem Rorschacherberg. Beim Grauen Stein von Triboltingen handelt es sich um eine Brekzie, die aus dem Davoser Raum zu kommen scheint - bei der Brekzie handelt es sich um eine Gesteinsart, die dem Granit ähnlich ist. Und nebenbei - es gibt natürlich auch Findlinge an anderen Orten in unserem Kanton - von ihnen kann hier aber nicht die Rede sein.
Unsere Grauen Steine haben eine beachtliche Grösse. In Bezug auf den Grauen Stein von Ermatingen sagte mir unsere ehemalige Kindergärtnerin, Fräulein Steiger, dass sie oft mit den Kindergärtlern zum Grauen Stein gegangen sei und dort habe man dann «Znüni gegessen». «Der ganze Kindergarten» habe auf dem Grauen Stein dann gerade Platz gehabt. Oft hätten ihr nachher Kinder dann auch gesagt, dass sie ihren Eltern den Weg zum Grauen Stein auch gezeigt und mit ihnen dort gewesen wären. Unser Stein war früher allerdings noch wesentlich grösser. Auf einer Tafel, die am Stein angebracht ist, lesen wir:

«Der Graue Stein
Tertiärer Muschelsandstein Seelaffe vom Rorschacherberg.
Grösster erratischer Block im Thurgau.

Zur Eiszeit war 's, als auf des Gletschers Rück'

ich glitt hierher und glaubte, das Glück
einer ewigwährenden Ruhe zu finden.
Das Gletschereis sah ich unter mir schwinden.
Doch menschlicher Unverstand und kleinlicher Neid
im I9ten Jahrhundert mir brachten viel Leid;
denn mit wuchtigen Schlägen und Pulverkraft
ward Stück für Stück mir vom Leib gerafft.
Dem Häuser- und Strassenbau war'n sie geweiht.
Nur ein Stück bin ich noch aus der Gletscherzeit

Diese Worte sagen es deutlich: Im 19. Jahrhundert wurde Material vom Grauen Stein in Ermatingen für den Häuser- und Strassenbau verwendet. Wo das überall der Fall gewesen ist, lässt sich heute natürlich nicht mehr feststellen. Abgesehen davon, dass es gerade im Rorschacher Raum verschiedene Arten von Sandstein gibt, wird dieser Sandstein noch heute für bauliche Zwecke bezogen. Rorschacher Sandstein wurde z.B. verwendet, als im Jahre 1990 die letzte Innenrenovation unserer Kirche stattfand - der Boden unserer Kirche -

soweit es nicht direkt unter den Bänken ein Holzboden ist - besteht aus Rorschacher Sandstein. Der Graue Stein von Triboltingen, der jetzt leider mehr oder weniger im Boden versunken ist, hatte vor einigen Jahrzehnten noch eine Höhe von etwa 80 cm, etwa die gleiche Breite und eine Länge von 160-180cm.
Der grösste Findling, den wir in der Schweiz haben, scheint der Pierre des Marmettes bei Monthey im Kanton Wallis zu sein. Er umfasst etwa 1600m3.
Natürlich, der Rheingletscher brachte nicht nur unsere Grauen Steine hierher; er brachte auch unendlich viel kleinere Steine - kieselstein-grosse, faustgrosse, kopfgrosse. Diese kleinen Steine bezeichnet man aber nicht als Findlinge; Steine, die weniger als 1 m3 Inhalt haben, fallen dann einfach unter den Ausdruck «Geschiebe».
Schon in früheren Jahrhunderten hatte man übrigens festgestellt, dass die «Findlinge» nicht dort waren, wo sie ursprünglich gewesen sein mussten. Wie aber waren sie an ihren neuen Standort gekommen? Während langer Zeit war den Menschen das wissenschaftliche Denken fremd. Eigentlich sehr spät, im Jahre 1787, sprach der Schweizer Politiker und Heimatkundler Bernhard Friederich Kuhn offenbar erstmals von «Gletschertätigkeiten», die er als Ursache für die Verschiebung unserer Steine betrachtete. Um das Jahr 1835 herum prägte der deutsche Naturforscher, Geologe und Botaniker Karl Friedrich Schimper den Begriff «Eiszeit». Es ging also sehr lange bis sich die Theorie von einer Vergletscherung weiter Teile Europas und das Wissen um Gletscher und deren Fluss durchsetzte. Früher war man der Ansicht, dass Riesen unsere Steine herumgeworfen hätten.
Im Gegensatz zu unserem Grauen Stein von Ermatingen hat der heute so unscheinbare Graue Stein von Triboltingen während vielen Jahrhunderten eine recht grosse Bedeutung gehabt.
Es gibt eine Öffnung des Dorfes Triboltingen vom 3. Juli des Jahres 1301 - bei einer Öffnung handelt es sich um eine Zusammenfassung von altem Dorfrecht.
Diese Triboltinger Öffnung macht uns deutlich, dass z.B. Fischrechte bis zum Grauen Stein oder vom Grauen Stein an ihre Gültigkeit haben. Auch wenn das heute kaum noch jemand weiss - das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Auf einer alten Karte, deren Datum leider nicht mehr lesbar ist, ist der Graue Stein von Triboltingen noch eingetragen als Grenz- und Richtpunkt für die Fischerei. Ein weiterer Richtpunkt ist dann z.B. der Kirchturm von Wollmatingen - Die Gegend, in der sich der Graue Stein von Triboltingen befindet, hiess früher übrigens nicht Oberi Espe sondern Entenbühl.
Dann - der Graue Stein war während Jahrhunderten ein Grenzpunkt der Gemeinde Triboltingen. Die erwähnte Triboltinger Öffnung hält fest, dass Triboltingen reiche «von dem holtz zu Wälde herab untz uff den mitten see unf Rain und bis zu dem grawen stain und untz in den Agelsturenbach».
Schliesslich war der Graue Stein aber auch während Jahrhunderten ein Grenzpunkt der Bischofshöri.
Das Bistum Konstanz, in dessen Bereich wir uns hier befanden, war während Jahrhunderten das flächengrösste Bistum im deutschen Raum. Es grenzte im Norden an das Bistum Speier und das Bistum Würzburg, im Osten an das Bistum Augsburg und im Westen an das Bistum Strassburg. Dann gehörte zu unserem Bistum ein grosser Teil der deutschen Schweiz - es war im Westen begrenzt von der Aare, umfasste die ganze Innerschweiz und grenzte im Südosten an das Bistum Chur. Der Graue Stein von Triboltingen war dann aber ein Grenzpunkt der sogenannten Bischofshöri. Diese war begrenzt vom Seerhein und vom Bodensee. Auf dem Land führte die Grenze vom Grauen Stein weg auf den Seerücken, dann unmittelbar vor dem Dorf Berg vorbei, um schliesslich ostwärts von Münsterlingen an den Bodensee zu kommen. Diese Bischofshöri umfasste so ein mehr oder weniger halbkreisförmiges Gebiet mit einem Radius von etwa 7 km. Abgesehen davon, dass der Bischof auch von andern Seiten her noch das oder jenes bezog, war die Bischofshöri die erste wirtschaftliche Grundausstattung für den Bischof und seinen Hofstaat. Wer in diesem Bereich lebte, war dem Bischof gegenüber abgabepflichtig. Zwei Kilometer herwärts des Bischofssitzes befand sich der bischöfliche Wirtschaftshof, wo die Abgaben zu entrichten waren. Dass diese Abgaben wohl nicht klein waren und der Bischofsstaat eine ansehnliche Grösse hatte, mag die Tatsache deutlich machen, dass für die bischöfliche Küche einmal 400 Bratspiesse zu liefern waren.
Wenn man sich vor Augen hält, welche Bedeutung dem Grauen Stein von Triboltingen zukam, sind wir wohl auch nicht erstaunt, dass es im Völksmund während langer Zeit hiess, dass der Graue Stein sich immer dann drehe, wenn er das Läuten der Triboltinger St. Niklausen-Kapelle höre.

Im Zusammenhang mit diesem Artikel danke ich:

Meta Haab, Herrn Hasenfratz vom Amt für Archäologie in Frauenfeld, Erni Keller, Werner Kreis, Armin Kunz, Hanspeter Ribi, Max Ritzer, Luise Steiger und Willi Plüer.

Die schönen Farbphotos hat Herr Erni Keller freundlicherweise zur Verfügung gestellt.