José Sanz y Arizmendi: Leben und Wirken des spanischen Malers

von Pfarrer Hans Heeb

---> Zu den Fresken am Hotel Adler

José Sanz y Arizmendi wird am 6. Februar des Jahres 1885 in Sevilla geboren. Sein Vater ist Mineningenieur, seine Mutter Philologin, Lektorin für Geschichte an der Universität von Sevilla. Eine Elementarschule besucht José wohl nie. Die Mutter unterrichtet ihre fünf Kinder zweisprachig, auf Spanisch und Französisch.

Ein rechter spanischer Bub will wohl Stierkämpfer werden. So schleicht sich José jeden Abend mit Kameraden ins städtische Schlachthaus, wo das Vieh in einer grossen Halle unangebunden auf sein Schicksal wartet. Dort wird mit Stieren und Kühen Stierkampf geübt; mit allen Schritten und Figuren der überlieferten Stierkämpferei. Eine Kuh erweist sich eines Abends als recht angriffslustig. José
kann sich auf eine Fensterbrüstimg retten und an den Gitterstäben festhalten. Die Kuh aber ist geduldig. Sobald der Bub herunterkommen will, senkt sie empfangsbereit ihre Hörner und lässt so dem kleinen Spanier reichlich Zeit, seinen Traum vom Stierkämpfer auszuträumen. Erst nach Stunden wird er befreit.

Bald treffen wir José Sanz als eifrigen Schüler an der Kunstakademie in Sevilla, wo er Schüler des berühmten Jimenez Aranda ist und nach sechs bis acht Jahren l6-jährig seine Ausbildung als Kunstmaler abschliesst. Während den vier folgenden Jahren kann er Aufträge ausführen, an Ausstellungen teilnehmen, und er erhält auch erste Auszeichnungen. Die Bilder aus dieser ersten spanischen Periode sind weitgehend verloren.

Architekturstudium in der Schweiz

Die Eltern finden offenbar, dass das Malen zu unsicher ist und bewegen ihren Sohn, Architektur zu studieren. So treffen wir ihn bald am Technikum in Biel, an der Minerva und schliesslich am Polytechnikum im Zürich, das damals nach Berlin als das zweitbeste in Europa galt. Im Besitz des Diploms tritt der junge Architekt in das Baubüro von Professor Gull ein und arbeitet an den Erweiterungsbauten des Polytechnikums. Das Studium der Malerei wird allerdings nicht vernachlässigt. Vor allem beeinflusst ihn das Werk Hodlers. Ihn wird er fortan für den grössten Maler unseres Landes halten.

1916 übernimmt José Sanz y Arizmendi eine Professur für Malerei an der Kunstgewerbeschule in Madrid. Er betätigt sich auch jetzt noch als Architekt und erhält bei einem Preisausschreiben für die Ausdehnung der Stadt San Sebastian den ersten Preis. Weil das schweizerische Architektendiplom in Spanien nicht anerkannt ist, bleibt es ihm versagt, den Plan zu zeichnen und auszuführen.

Von nun an widmet er sich ausschliesslich der Malerei: Rücksicht auf die Gesundheit der Frau sowie der Wunsch, die Kinder schweizerische Schulen besuchen zu lassen, führen 1922 zur Rückkehr in die Schweiz. Die Wohnsitze sind - unterbrochen von kurzen Aufenthalten in Ermatingen, Zürich und Rovio im Tessin - der Weiler Hötschigen auf dem Äbnit oberhalb von Konolfingen, Röhrswil bei Bolligen und Bern.

Zehn Monate in Ermatingen

José Sanz y Arizmendi hat nicht nur Fresken geschaffen, er hat in erster Linie gemalt: Porträts, Landschaften, Kompositionen, Stilleben. Er wurde in kurzer Zeit Porträtist der Berner Aristokratie.

Doch fassen wir hier die zehn Monate in Ermatingen ins Auge: Leider befindet sich nur noch ein Bild aus dieser Zeit in Ermatingen - eine Teilansicht der ehemaligen Adler-Dependance Seefeld mit einem Teil des dazugehörigen Parks. Ein ehemaliger Ermatinger entdeckte das Bild vor Jahren auf einem Flohmarkt in St. Gallen, erkannte das Motiv, erwarb das Bild für wenig Geld und konnte es dem jetzigen Besitzer des Gasthauses Adler zukommen lassen. Auf diese Weise hat wenigstens ein «Arizmendi» den Rückweg nach Ermatingen gefunden.

Der Sohn Manuel Sanz, der heute in Lanzarote auf den Kanarischen Inseln lebt, besitzt die Bilder «Gasthofvorhalle in Ermatingen», «Ausblick auf den Untersee» und «Thurgauer Bauer» - das Bild zeigt wahrscheinlich einen alten Ermatinger Bauern. Die Gasthofvorhalle in Ermatingen befand sich auf der dem See zugewandten Seite der ehemaligen Adler-Dependance Seefeld und existiert heute so nicht mehr. Der Schattenwurf lässt auf einen frühherbstlichen Spätnachmittag schliessen. In dieser Vorhalle möchte man sich in einen Stuhl setzen, ein Buch nehmen und lesen, vielleicht auch einfach die Blumen bewundern oder auf den See hinausschauen.

Das Bild «Nelly, die Pudelhündin», es handelt sich um den Hund von Frau Heer, befindet sich beim Sohn Dr. Ernst Sanz in Zäziwil im Kanton Bern. In Privatbesitz im bernischen Muri befindet sich das Bild «Hochwasser in Ermatingen». Von Ermatingen aus ist der Maler auch nach Winterthur und Zürich gegangen, um «auf der Stör"» zu porträtieren.

Das Bild in der Garage

Verschiedene Bilder des Künstlers sind seltsame Wege gegangen. Am 22. November 1982 sass im Sprechzimmer von Dr. Sanz ein Tapezierer. Er schaute sich die Bilder an den Wänden an und erklärte, dass er von diesem Künstler auch ein Bild besitze. Es messe allerdings - im Hochformat - etwa 2 auf 1 Meter und hänge darum in der Garage; diese sei jedoch schön trocken. Nachforschungen ergaben, dass das Bild seinerzeit jahrzehntelang in einer Chüechliwirtschaft in Bern gehangen hatte. Es befindet sich noch heute im Besitz des Tapezieres; seinen Standort hat es jetzt aber in einer Villa in Hünibach bei Thun. Wiederentdeckt worden ist das Bild «El mendigo» (Der Bettler).

 

Viele Bilder befinden sich bei den Söhnen in Zäziwil und Lanzarote sowie bei der Tochter Vassiliev-Sanz in Enghien bei Paris. Manche finden sich in Privatbesitz. Zwei Bilder - ein Sommer- und ein Herbstbild - seien besonders erwähnt: Sie sind Eigentum des Bundes und wurden für das Schloss Lohn in Kehrsatz, das Gästehaus des Bundesrates, gemalt. Der in Zäziwil lebende Sohn hat über 400 Skizzen, Studien und Bilder seines Vaters katalogisieren können.

José Sanz y Arizmendi darf den bedeutenden Künstlern zugerechnet werden. Er hat verschiedene Techniken beherrscht und verfügte über ein ausgezeichnetes handwerkliches Können. Für ihn war nur ein guter Künstler, wer Hände, Augen und Haare malen kann. Allem, was nicht sorgfältig war, war er abhold. Aus Protest gegen die oberflächliche Malerei hat er einmal in einer halben Stunde einen rauchenden Mann porträtiert.

Bedeutend, aber vergessen

Sanz ging mit Ehrfurcht an die Arbeit. In der Form sah er die Handschrift Gottes. Farbe und Licht waren Geschenke Gottes. Von der Luft fand er, dass sie uns umhüllen würde wie die Liebe Gottes. Und schliesslich - wo lag für den Maler der Sinn seines Malens? Was wollte er mit seinen Bildern?

So wie Mozart mit seiner Musik, so wollte auch er mit seinen Bildern Freude bereiten. Der Maler José Sanz y Ariz-mendi ist heute vergessen. Verschiedene Gründe haben dazu beigetragen: Er starb jung - im 45. Lebensjahr. Er hat gegenständliche Kunst geschaffen. Er starb als Spanier und fand so keine Aufnahme im Schweizer Künstlerlexikon. Zudem arbeitete er im Vorfeld des spanischen Bürgerkrieges, was zur Folge hatte, dass die Beziehungen zu Spanien abrissen.

Tod in Bern

Das Sterben von José Sanz y Arizmendi am 17. Dezember des Jahres 1929 ist von Tragik überschattet. 1929 fand in Bern die Weihnachtsausstellung der Berner Bildhauer, Maler und Architekten statt. Der Künstler reichte termingerecht zwei Bilder und drei Skizzen ein. Die Jury refüsierte beide Bilder, die Skizzen hängte sie ins Untergeschoss. Dieser Entscheid traf den Mann schwer. In seelischer Not irrte er in der nasskalten Nacht vom 7. auf den 8. Dezember durch die Strassen der Stadt. Dabei zog er sich eine doppelseitige Lungenentzündung zu, an deren Folgen er am frühen Morgen des 17. Dezember starb.

Zurück blieben eine Frau mit vier Kindern im Alter von 18 Monaten bis 13 Jahren, einige hundert Franken und etwa hundert noch unverkaufte, zum Teil auch unvollendete Bilder. Eine Lebensversi-
cherung gab es nicht, eine Witwen- und Waisenrente noch nicht. Es folgte Weihnachten, diesmal ein trauriges Fest. Die Kinder freuten sich immerhin über die vielen Esswaren, die Freunde, Nachbarn und Unbekannte geschickt hatten. Während die Familie um das Bäumchen sass, kam Besuch - Herr und Frau Rudolf von Erlach-von Sprecher, die früheren Nachbarn in Röhrswil.

Rudolf von Erlach war Kommandant des traditionsreichen Berner Schützenbataillons 3 - er kommandierte später die 5.Division und starb im Jahr 1944. Nach kurzer Begrüssung und einigen Trostworten kam er zur Sache. Sie seien erschüttert gewesen, als sie vom Tod ihres Gatten und Vaters erfahren hätten, und fühlten sich verpflichtet, etwas zu tun. Es sei gelungen, die Mittel zusammenzubringen, um die Existenz der Familie für die nächsten zehn Jahre zu sichern. Wir verstehen es, wenn einer der Söhne schreibt, dass ihm damals aufgegangen sei, dass Engel auch Uniformen tragen könnten.

Nach dem Tod des Vaters erhielt die Familie das Bürgerrecht von Bolligen. Auf Veranlassung von Erlachs wurden Frau Sanz und ihre Kinder über die Zunft «Zu Schmieden» auch Bürger von Bern. Das hatte zur Folge, dass die drei älteren Kinder im Jahre 1932, als die Mutter zur Kur nach Davos musste und der kleine Bruder Diego starb, im Waisenhaus der Bernburger Aufnahme fanden. Andere Freunde machten es später möglich, dass die "Tochter" Lehrerin, ein Sohn Arzt und der andere Chemiker werden konnte.

José Sanz y Arizmendi zum Gedenken

Einer seiner Söhne sagt von José Sanz y Arizmendi, dass er ein lieber und gütiger Mensch gewesen sei. Nie hätte er einem Kind weh tun können.

In seiner Madrider Zeit wandte sich einmal ein Freund an ihn. Er habe kein Geld, und wenn er die Miete nicht bezahle, stehe er mit Frau und Kindern auf der Strasse. Zum Schrecken und ohne Wissen der Mutter übergab er seinem Freund die letzte Kapitalreserve, nämlich das Silberbesteck aus dem Brautgut der Mutter, damit dieser es in seiner Not verpfänden konnte. Nach drei Monaten brachte der Freund das Silberbesteck zurück.

Als José Sanz y Arizmendi starb, hinterliess er kein vollendetes Lebenswerk. Er war ein Maler, der auf dem Weg war und stets nach Vollendung strebte. Darum sei dieser Beitrag abgeschlossen mit einem Satz, der seinerzeit in einem Nachruf stand: «Schade um diesen vornehmen Menschen und Künstler, sein früher Tod hat uns um vieles gebracht.»



Dieser Aufsatz von Pfr. Hans Heeb ist vor einigen Jahren erstmals in der Thurgauer Zeitung erschienen. Pfarrer Heeb schreibt dazu:
"Der Artikel basiert auf dem Buch 'Der Maler José Sanz y Arizmendi', verfasst von seinem Sohn Dr. Ernst Sanz in Zäsiwil im Kanton Bern und erschienen im Jahre 1987 im Verlag Stämpfli in Bern. Auch danke ich Dr. Ernst Sanz für verschiedene persönliche Auskünfte."


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