Leben und Werk von Jakob Engeli, der von 1864 bis 1917 als Sekundarlehrer in Ermatingen tätig war

«Papa Engeli» hat viel getan für die Schule und das Dorf

von Pfarrer Hans Heeb

Am 12. Januar 1844 ist Jakob Engeli in Sulgen geboren worden. Dort besuchte er die Primarschule, in Weinfelden die Sekundarschule und in Frauenfeld die Kantonsschule; diese schloss er im Herbst 1863 mit der technischen Matura ab. Nach einem kurzen Aufenthalt an der Universität Lausanne bestand er im Frühling 1864 das thurgauische Sekundarlehrerexamen.

Am 17. Mai 1864 trat Jakob Engeli seine erste - und letzte - Stelle an der Sekundarschule Ermatingen an. Die Schule begann damals in der Regel im Mai. Unsere Schule war noch jung - sie war im Jahr 1854 gegründet worden. Und jung war nun auch der Lehrer - vier Monate vor seinem Stellenantritt war er 20 Jahre alt geworden. Während 45 Jahren hat er die Schule als Gesamtschule geführt; erst im Jahre 1909 wurde sie geteilt. Zeitweise hatte er über 50 Schüler zu unterrichten. Was die Sache vielleicht etwas vereinfacht haben mag - es waren damals noch nicht so viele Fächer zu unterrichten, wie das später der Fall war. Das Lieblingsfach von Jakob Engeli scheint die Physik gewesen zu sein.

Mehr als blosses Schulwissen

Ausserhalb der Schulzeit waren die Sekundarlehrer damals auch verpflichtet, eine Art Gewerbeschule zu erteilen; sie hatten Lehrlingen und jungen Handwerkern Kenntnisse beizubringen, die sie bei der Ausübung ihres Berufes benötigten. Von 1906 bis 1916 unterrichtete unser Sekundarlehrer die Schüler der Landwirtschaftlichen Schule auf dem Arenenberg im Feldmessen.

Die Aufnahme aus dem Archiv des Seemuseums in Kreuzlingen zeigt Lehrer Jakob Engeli um das Jahr 1923 vorne am Fenster im Postauto vor dem Gasthaus Adler

Unterrichtet hat Jakob Engeli zuerst in dem Haus, in dem sich später die Drogerie Jochimsen befand, von 1866 bis 1885 im Rellingschen Schlösschen und dann im alten Rathaus. Im Frühling 1917 ist «Papa Engeli» - so nannten ihn seine Schüler und Freunde - von seinem Amt zurückgetreten. Er stand jetzt in seinem 74. Lebensjahr. Während eines halben Jahrhunderts hat er unsere Sekundarschule geformt und geprägt. Und wenn wir schliesslich noch hören, das er seiner Schule bis zu seinem Tod verbunden geblieben sei, überrascht uns das sicher nicht. Er war auch ein Lehrer, der nicht nur wusste, was er in der Schule wissen musste. Sein umfangreiches Wissen erstaunte immer wieder.

Über die Pfahlbauten in der Gegend von Ermatingen und über die Hügelgräber auf dem Wolfsberg wusste er genau so Bescheid wie über besondere Wettererscheinungen. Das alles mag dazu beigetragen haben, dass Ermatingen dem Mittelthurgauer zu einer zweiten Heimat wurde. Und das mag wiederum dazu beigetragen haben, dass er sich in einer aussergewöhnhchen Weise für unser Dorf eingesetzt hat.Jakob Engeli und anderen fortschrittlichen Männern ist es zu verdanken, dass in Ermatingen im Jahr 1897 eine öffentliche Wasserversorgung erstellt und im Jahre 1907 - gegen den Willen der Ortskommission! - die Einführung einer elektrischen Strassenbeleuchtung beschlossen wurde. Der Initiative unseres aktiven Mannes verdankt unser Dorf die erste freiwillige Feuerwehr - er war dann auch deren Kommandant - und die Badanstalt.

Leidenschaft für die Kartographie

Er besass das Feldmesserpatent und begann schon im Jahre 1865 mit dem Vermessen der Gemeinde. Im Jahr 1880 war die grosse Arbeit vollendet. Bei dieser Vermessung hat er auch einen Vermessungsplan erstellt.

Das Hauptwerk von Jakob Engeli war sein Einsatz für die Quellenkarte unseres Kantons. Alle Quellen und Sodbrunnen wurden auf Siegfriedkarten eingetragen; für jede Ortsgemeinde gab es ein separates Heft. Diese Unterlagen befinden siich heute im Staatsarchiv.

Eine sehr gute Beziehung hatte Jakob Engeli zum Arenenberg. Er war Augenzeuge, als Napoleon III. im Jahre 1865 noch einmal den Arenenberg besuchte. Er war befreundet mit dem Gutsverwalter Codym und kam schon darum oft ins Schloss. Nach dem Siebzigerkrieg erteilte er dem Sohn des kaiserlichen Rittmeisters, Charles Lauzet, Privatstunden in Deutsch und hatte darum auch immer wieder Gelegenheit, mit Herrn Lauzet auszufahren. Nachdem der Kaiser im Jahr 1873 gestorben war, kehrte die Kaiserin Eugenie wieder auf den Arenenberg zurück - zu-sammen mit dem kaiserlichen Prinzen Louis Napoleon - er starb später, 23 Jahre alt, als englischer Kolonialoffizier unter nie ganz geklärten Umständen in einem Gefecht mit Zulukaffern in Südafrika. In Ermatingen hat Jakob Engeli als Mitglied des Schützenvereins die jungen Herren vom Arenenberg, und in erster Linie natürlich den Prinzen Louis Napoleon, auf dem Schiessplatz betreut. Für Waffenkenner: Geschossen wurde mit dem Vetterli-Gewehr und mit der Perkussionspistole. Die Pistole gehörte offenbar Jakob Engeli und wurde im Jahr 1960 von den «Fräulein Engeli» - der Begriff ist hier nicht ganz klar - dem Museum Arenenberg geschenkt. Wenig Freude machte es unserem Sekundarlehrer allerdings, wenn er französischen Bettlern Bittschriften an die Kaiserin aufsetzen sollte.

Die Maturitätsklasse 1863 der technischen Abteilung der Kantonsschule Frauenfeld hat sich 1909 vollzählig zu dieser Aufnahme versammelt. In der Mitte sitzend Sekundarlehrer Jakob Engeli. (Bild aus "Bei uns im Thurgau" von Hans-Ulrich Wepfer, (1978))

Ein geborener Lehrer

Jakob Engeli verheiratete sich mit Maria Luise Kreis aus Ermatingen. Den Ehegatten wurden zwei Söhne und eine Tochter geschenkt. Die Tochter, Ida Katharina, haben verschiedene Ermatinger noch gekannt. Sie ist unverheiratet geblieben und starb am 24. August 1969 in ihrem 89. Lebensjahr in Ermatingen beziehungsweise im Alters- und Pflegeheim Neutal in Berlingen. Vor ein paar Jahren lernte ich selber noch einen Dr. jur. Engeli aus Winterthur kennen; er war ein Enkel unseres Sekundarlehrers und er erzählte mir noch begeistert von Ferien, die er bei seinen Grosseltern in Ermatingen in der oberen Mühle verbracht hatte - es war die Mühle, die unmittelbar neben dem alten Rathaus stand.

Der Mann, der während eines halben Jahrhunderts unsere Sekundarschule geformt und geprägt hat, scheint der geborene Lehrer gewesen zu sein. Es war ihm wohl auch eine unwahrscheinliche Arbeitskraft geschenkt. Er verstand es wohl auch, die Zeit, die Minute auszunützen. Er war ein guter Beobachter. Probleme, die er erkannt hatte, versuchte er zu lösen. Er besass die Gabe, Menschen zu überzeugen und Hindernisse zu überwinden.

Jakob Engeli starb - völlig unerwartet - am 21. September 1923; er stand in seinem 80. Lebensjahr. Im Sterberegister der evangelischen Kirchgemeinde sind zwei Bürgerorte eingetragen - Ermatingen und Sulgen. Das bedeutet, dass Ermatingen seinen grossen Einsatz für die Gemeinde mit der Verleihung des Ehrenbürgerrechtes belohnt hat.