Die unbekannte Malerin am Untersee

Ein Bericht von Hans Heeb, Ermatingen

Mathilde Freifrau van Zùylen-van Nyevelt-Ammann - aus der renommiertesten Ermatinger-Tägerwiler Familie des 19. Jahrhunderts - ist heute weithin unbekannt.

Wer war, wer ist Mathilde Ammann?

Mathilde Ammann wird am 17. Januar 1842 in Ermatingen geboren. Sie entstammt einer alteingesessenen Ermatinger Familie. Der erste Vorfahre, den wir kennen, ist der Freihauptmann Hartmann Friedrich Ammann - der Erbauer des Hauses Phönix (um 1750). Er ist der Ururgrossvater von Mathilde und lebt von 1725 bis 1795. Dessen Sohn Bartholome ist von Beruf Zinngiesser. Die Vorfahren mütterlicherseits kommen ursprünglich aus Berlingen,

Mathilde Ammann ist das jüngste Kind des Friedrich Ferdinand Ammann (1809 -73) und der Carolina geb. Merkle. Es ist in erster Linie der Weinhandel, der der Familie Wohlstand bringt. Der Vater ist zugleich Freund und Vertrauter von Napoleon III.

In der paritätischen Kirche wird das Kind auf den Namen (Anna Maria Sophie) Mathilde getauft. Mit den Geschwistern Hedwig und Theodor verbringt sie ihre Jugendzeit. Die Schwester Hedwig wird nur 20 Jahre alt, der Bruder Theodor stirbt 1916. Als im Jahre 1847 ihr Elternhaus abbrennt, kommt sie - fünfjährig - für zwei Jahre zu ihren Grosscltern Blum nach Winterthur. Das Haus wird in der Zwischenzeit an der gleichen Stelle wieder aufgebaut; es ist heute auf der einen Seite das Haus Harmonie von Familie Dr. Kurt Hausammann und angrenzend das Haus Phönix, der heutige Sitz des Museum Vinorama Ermatingen (zuletzt im Besitz von Dr.Magrit Kobelt).

Eduard Mörike als Lehrer

Den Eltern Ammann liegt eine gute Ausbildung ihrer Kinder sehr am Herzen. Aus diesem Grunde werden diese zunächst von einem Privatlehrer unterrichtet, besuchen nachher die Ermatinger Sekundarschule. 1856 - mit 14 Jahren - verlässt Mathilde Ermatingen, um in Friedrichshafen in das Privatinstitut des aus St. Gallen stammenden Lehrers Rau - das Paulinenstift - als erste Schülerin einzutreten. Bei der Gründung des Paulinenstiftes scheint die Mutter sogar eine der treibenden Kräfte zu sein. Auf alle Fälle vermittelt sie ihre Freundin Bertha von Cramer dem Stift als erste Gouvernante. Das Stift steht unter königlichem Patronat und selbst in Norddeutschland wird es mit Bewunderung erwähnt.

Anschliessend wechselt Mathilde Ammann ins Katharinenstift nach Stuttgart, wo der Dichter Eduard Mörike zu ihren Lehrern zählt. Dieses wurde 1818 gegründet und ist das berühmteste Stift im Königreich Württemberg.

Wohl im Jahre 1860 - im Alter von etwa 20 Jahren - kehrt sie ins Elternhaus nach Ermatingen zurück, um dort für mehrere Jahre mit bei der Pflege ihres Grossonkels David Hippenmeyer mitzuhelfen.

Eine kurze Ehe

Am 15. September 1870 - nun 28 jährig - verheiratet sie sich mit Alexander Guislin Freiherr van Zùylen-van Nyevelt, dem Kammerjunker und Cavallerie-Offizier à la suite seiner Majestät des Königs von Bayern und Majoratsherr auf Schloss Prüfening bei Regensburg. Mathilde Ammann kommt jetzt als Mathilde Freifrau van Zùylen-van Nyevelt-Ammann auf Schloss Prüfening bei Regensburg. Die Ehe dauert nur wenige Wochen. Am 25. Oktober stirbt der Gatte im 38. Lebensjahr - laut der Todesanzeige infolge eines Blutsturzes. Als Fideikommissbesitzerswitwe kehrt die erst 28 Jahre junge Frau in den Thurgau zurück - jetzt aber nicht nach Ermatingen sondern ins Schloss Hertler in Tägerwilen, das der Vater 1863 käuflich erworben hatte. (Es blieb bis 1947 im Besitz der Familie und wurde 1986 abgerissen.)

 In Gottlieben

Im folgenden Jahr (1871) erwirbt sie selber das Haus zum Hecht, das in Gottlieben direkt am Rhein steht, baut es um und lässt es stilvoll einrichten. Später kauft sie noch ein weiteres Haus, das Untere Steinhaus - es ist heute das Hotel Drachenburg. In Gottlieben lebte sie für fast 40 Jahre.

Im Jahre 1910 übersiedelt sie nach Konstanz und später nach Kreuzlingen. Der Grund für diesen Wohnsitzwechsel seien der neblige Herbst und Winter in Gottlieben. Am 18. Mai 1914 stirbt sie im Alter von 72 Jahren infolge eines Herzversagens. Sie, die im Leben so viel gelesen hat, hält noch im Tode ein Buch in den Händen. Zwei Tage später wird sie im Familiengrab der Hertler-Ammann auf dem Friedhof Tägerwilen, das heute noch besteht, bestattet.

Der Grossvater und der Prinz

Der Grossvater, Hartmann Friedrich Ammann - er ist ebenfalls von Beruf Weinhändler - verwaltet auch das Schloss Arenenberg und verschiedene Schlösser in der Umgebung. Zusammen mit Prinz Napoleon gründet er den Thurgauischen Schülzenverein. Auf einer Gedenktafel im Gasthaus “Hirschen” in Ermatingen finden sich die Worte: «Hier gründete am 31. August 1835 Prinz Napoleon mit Oberst Hartman Ammann den Thurgauischen Kantonal-Schützenverband«. Diese Gedenktafel befindet sich auch nach dem Umbau des Gasthauses “Hirschen” immer noch im gleichen Raum. Für diesen Schützenverein stickte die Königin Hortense eigenhändig eine Fahne; sie ist leider nicht mehr auffindbar.

Der Vater von Mathilde verwaltet - von seiner Geschäftstätigkeit abgesehen - wie schon sein Vater das Schloss Arenenberg und verschiedene andere Schlösser. Er bringt es im Militärdienst ebenfalls zum Obersten und stellt sich für verschiedene öffentliche Ämter zur Verfügung - er ist Kantonsrat, Vizepräsident des Bezirksgerichtes, Mitglied der Aufsichtskommission des Lehrerseminars Kreuzlingen. Mit seiner Vermittlung kauft die Kaiserin Eugenie im: Jahr 1855 den Arenenberg wieder zurück - nach dem Tod seiner Mutter Hortense hatte Prinz Napoleon das Schloss im Jahre 1837 an einen Deutschen namens Keller verkauft.

Mathildes Bruder Theodor lässt sich an der Neuen Technischen Hochschule in Zürich zum Eisenbahn-Ingenieur ausbilden. Nach dem Tod des Vaters Friedrich Ferdinand übernimmt er dessen Geschäfte. Er ist aber auch mitverantwortlich für den Bau der Bahn von Ehingen nach Ulm, wahrscheinlich auch für die Erstellung der Bahnstrecke von Sulgen nach Gossau. Er ist Mitglied des Grossen Rates und Oberst bei den Genietruppen.

Vielfältige Beziehungen

Verwandtschaftliche Beziehungen bestehen zu den Familien von Breitenlandenberg, Wegelin und Zollikofer in St. Gallen und Hippenmeyer. Die ursprünglich aus Gottlieben stammenden Hippenmeyer leben als Bankiers und Geschäftsleute in Wien. Ein J. C. Hippenmeyer ist Mitbegründer der österreichischen Nationalbank.

Hartmann Friedrich Ammann ist befreundet mit Königin Hortense und Prinz Napoleon. Friedrich Ferdinand und Carolina Amman-Merkle zählen später zu den Freunden von Napoleon III. und Kaiserin Eugenie. Man verkehrt mit Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg, dem fortschrittlichen Generalvikar des Bistums Konstanz und späteren - nach Aufhebung des Bistums - Privatgelehrten. Unter dem Pseudonym Heinrich an Ampringen veröffentlicht er seine liberalen Ideen und beeinflusst wohl auch die Familie Ammann.

Man verkehrt auch mit deutschen Fürstenhäusern. Carolina Ammann-Merkle schreibt einen Kondolenzbrief an den Grossherzog und an die Grossherzogin von Baden, als im Jahre 1888 deren Sohn stirbt. In einem Brief dankt der Grossherzog für die Anteilnahme.

Wie Mathilde van Zùylen-Ammann zum Malen kam und was sie hinterlassen hat

Schon früh zeigt sich bei Mathilde Ammann eine grosse Begabung für die Musik, das Zeichnen und das Malen. Wiederum hat die junge Tochter Glück. Ihrem Wunsch, Malerin zu werden, widersetzt man sich in der aufgeschlossenen Familie nicht. Eine normale Ausbildung an einer Kunstakademie kann aber auch die renommierte Familie nicht ermöglichen. Dieser Weg bleibt Frauen bis um die Jahrhundertwende verschlossen. Den Eltern gelingt es jedoch, ihrer Tochter an der neugegründeten Kunstakademie in Weimar Privatunterricht zu vermitteln.

Sie wird dort in die Kunst des Malens eingeführt von den berühmten Professoren Stanislaus Graf von Kalckreuth - dem Gründer der Akademie - und Karl Gussow. In Gottlieben malt zu dieser Zeit Wilhelm Hummel. Obwohl er bedeutend jünger ist als Mathilde, lässt sie sich auch von ihm Unterricht erteilen. Studienaufenthalte führen sie später nach Paris und
München. In ihrem Haus in Gottlieben malt sie nicht nur eigene Bilder. Sie lädt immer wieder mittellose Künstler ein.

Von 1901 bis 1905 lebt und malt in Gottlieben auch der berühmte Robert Weise aus Stuttgart. Er hat schon Kaiser Wilhelm I. und das Württembergische Königspaar porträtiert. In Gottlieben porträtiert er seine Gastgeberin. Als Mathilde van Zùylen-Ammann 1914 stirbt, wird sie offensichtlich bald vergessen. Mit ihr fallen ihre Bilder der Vergessenheit anheim - bis 1994 in Kreuzlingen Saskia Egloff-Ammam stirbt. Sic entstammt noch der Familie der Hertler-Ammann.

Noch einmal spielt das Glück eine Rolle: Der Nachlass wird übernommen von Rechtsanwalt Otto Egloff in Tägerwilen und landet nicht in Aquitätengeschäften und Brockenstuben. Jetzt stösst man plötzlich auf insgesamt über 60 Bilder von Mathilde van Zùylen-Ammann und stellt fest, dass sich von diesen auch noch einige Bilder im Kunstmuseum des Kantons Thurgau und weitere in Privatbesitz befinden.

Dass die Bilder in Vergessenheit geraten sind, mag ein Stück weit verständlich sein. Man kann die Malerin nicht mit einem Adolf Dietrich oder Ernst Kreidolf vergleichen. Zudem pflegte sie ihre Bilder nur selten zu signieren. Sie wollte sie sowieso verschenken und nicht verkaufen.

Mathilde van Zùylen-Ammann porträtierte viel, oft sich selbst. Sie hinterliess nur wenige Landschaftsdarstellungen. Kunstsachverständige bezeichnen ihre Bilder als teilweise bieder, aber auch als modern für ihre Zeit. Sie zeigen beachtliches handwerkliches Können.

Mathilde van Zùylen-Ammann scheint zu ihrer Mutter eine besondere Beziehung zu haben. Wenn sie sie malt, malt sie sie immer überhöht. Carolina Ammann-Merkle ist aber auch eine besondere, ja eine bedeutende Frau. Das machen nicht nur die Beziehungen, die sie hat, deutlich. Der Maler Ernst Kreidolf sagt von ihr, dass sie eine der edelsten und reinsten Frauen sei, denen er in seinem Leben begegnet sei. Sie sei eine tief religiöse Natur und sehr gebildet. Eine grosse Güte und Teilnahmefähigkeit sei ihr eigen. Dem mittellosen Ernst Kreidolf ermöglicht sie den Besuch der Kunstschule in München. Noch einer ihrer Nachkommen wird später Adolf Dietrich unterstützen, der sich kaum eine Mahlzeit leisten kann.

Männliches Auftreten - mit Bubikopf und Zigarre

Nach dem frühen Tod ihres Gatten verheiratet sich Mathilde van Züylen-Ammann nicht mehr. Sie scheint jetzt gesundheitlich eher Schwierigkeiten zu haben.

Die Malerin aus Gottlieben ist eine eigen geprägte Persönlichkeit. Der Maler Wilhelm Hummel sagt von ihr, dass sie eine resolute Frau sei und ein männliches Auftreten habe. Sie habe einen goldigen Charakter unter einem sehr rauhen, sehr runden und recht auffälligen Äusseren. Sie soll die erste Frau sein, die im Kanton Thurgau einen Bubikopf trägt. Wenn sie malt, trägt sie Hosen. Unbedingt wissen soll man das aber nicht. Sie besitzt ein Fahrrad - für eine Frau ist das in ihrer Zeit nicht üblich. Schon als junge Frau trägt sie eine Brille. Mit dieser lässt sie sich fotografieren und sie porträtiert sich auch mit ihr. Das ist in dieser Zeit keineswegs selbstverständlich. Sie raucht gern teure Zigarren.

Vier Kochbücher

Mathilde van Zùylen-Ammann ist vielseitig interessiert. In vier sorgfältig und selbstverständlich von Hand geschriebenen Kochbüchern hält sie die Rezepte fest, die in der Familie während Generationen zur Anwendung gelangen. Sie hat Humor. Das wird etwa deutlich, wenn sie zwei Nichten proträtiert und auf die Vorderseite des Porträts die Worte schreibt: «Helene und Gertrud Ammann gepinxt von der Tante» - gepinxt ist abgeleitet von lateinischen pingere, das malen bedeutet.

Der Maler Ernst Kreidolf begleitet die Baronin, wie er sie zu nennen pflegt, gelegentlich auf Ausflügen mit der Droschke oder mit dem Dampfschiff. Er bezeichnet sie als freigeistig und unsentimental. Sie lese viel und sei literarisch auf dem Laufenden.

Eine bedeutende Thurgauer Frau

In ihrem Haus treffen wir unter anderem Baron Ludwig Gleichen-Russwurm - er lebt als Maler in Weimar und ist ein Urenkel von Friedrich Schiller, den Dichter Gottfried Keller, Professor Theodor Kocher aus Bern - den späteren Nobelpreisträger für Medizin, den berühmten Pianisten Anton Rubinstein.

Allein schon die Aussagen von Ernst Kreidolf und die Tatsache, dass diese Männer gelegentlich in Gottlieben sind, machen deutlich, dass Mathilde Freifrau van Zùylen-van Nyevelt-Ammann zu den bedeutenden Frauen im Thurgau gezählt werden darf.


 

PS. Für verschiedene Angaben zu dem Artikel danke ich Fritz Christen in Tägerwilen, Klaus Dransfeld in Ermatingen, Otto Egloff in Tägerwilen und Karin de la Roi-Frey in Stuttgart.

 Zu den Gemälden der Künstlerin