Der Salensteiner Bürger Alfred Ilg als Staatsminister am Hof des Kaisers Menelik II. von Äthiopien

Präambel:

Nach den Worten von Alt-Bundesrat Dr. Joseph Deiss (jetzt Präsident der UNO-Vollversammlung) gehört der Salensteiner Bürger Alfred Ilg, der  ab 1879 für 27 Jahre erst als Ingenieur und dann als Staatsminister am Hofe des Königs und Kaisers Menelik II. in Äthiopien wirkte, zu den bedeutendsten Auslandsschweizern. Er sei der markanteste Thurgauer in ausländischen Zivildiensten und der hervorragendste Ausländer, der je in Äthiopien gelebt hat. Seine Spuren im Lande sind noch immer - ein Jahrhundert danach - unübersehbar.

Dass Alfred Ilg auch in seiner Heimat bekannt gemacht wird und nicht nur in Äthiopien, wo jeder Gebildete seinen Namen weiss, erscheint an der Zeit: Er war ein agiler, überaus mobiler und in hohem Masse honorabler Mensch, theoretisch wie praktisch umfassend begabt, ein Vorbild für die Jugend in der Region Bodensee-Alpen-Rhein, der Schweiz und der Welt! (Soweit das Zitat von Joseph Deiss)

Im folgenden eine kurze Biographie von Alfred Ilg, die ich teilweise dem ausgezeichneten  Buch von Dr. Heribert Küng entnommen habe. Weitere Quellen am Ende meines Berichts.    Klaus Dransfeld


1. Eine Jugend in der Ostschweiz des 19. Jahrhunderts

Alfred Ilg, ein Bürger von Salenstein , wurde 1854 in Frauenfeld geboren. Der Schweizer Bundesstaat bestand erst seit sechs Jahren. In dieser Zeit erreichte die allgemeine Armut auch in der Schweiz einen Höhepunkt. Die grosse Zahl der Armen zog gewöhnlich von Ort zu Ort, übernachtete im Sommer in den Wäldern und im Winter in den Stallungen. Die Männer lebten - meist nicht verheiratet - mit "Beihälterinnen" zusammen und die Kinder wuchsen halb verwildert auf (siehe: Chronik der Schweiz). Auch Alfred Ilg kannte seinen leiblichen Vater nicht, er wuchs in bescheidenen Verhältnissen zusammen mit seiner Mutter, seinen zwei Stiefgeschwistern und seinem Stiefvater Oberstleutnant Neuweiler auf. Mit 12 Jahre trat er in die Kantonschule ein und legte dort mit 17 Jahren die Matura ab. Aber danach starb der Stiefvater und Alfred war plötzlich mittellos. So trat er zunächst ein Mechanikerlehre an, um sich über Wasser zu halten. Aber dann fasste er Mut, und begann - mit Hilfe von Darlehn, Stipendien und Nachhilfestunden - an dem damaligen Polytechnikum Zürich (der heutigen ETH) Maschinenbau zu studieren. Nach dem Abschluss des Studiums nahm er zwar zunächst eine Stelle als Ingenieur in Bern an, aber "seine Liebklingsidee war es",wie er sich ausdrückte, "mit den etwas engen Verhältnissen in der Heimat zu brechen und in einem fremden Land etwas Grosses zu leisten".

Dazu bot sich schon bald eine Gelegenheit, als er durch einen schweizer Bekannten erfuhr, dass der äthiopische Unterkönig von Schoa (der spätere Kaiser Menelik II.) zur Modernisierung seines Landes einen tüchtigen Ingenieur aus Europa suchte. Alfred Ilg bewarb sich um die Stelle, unterzeichnete bald einen Arbeitsvertrag und im Jahre 1878 - er war jetzt gerade 24 Jahre alt - brach er mit 2 Handwerkern aus Zürich auf in das unbekannte hochgelegene Äthiopien, auf das "Dach Afrikas". Die Anreise zu seinem neuen Arbeitsplatz durch den neu eröffneten Suezkanal mit langen Wartezeiten in den Häfen und mit 45 Tagen auf dem Rücken von Kamelen durch von Mord und Raub bedrohte Gebiete dauerte 7 Monate.

1879: Ilgs Ankunft in Äthiopien

König Melenik empfing die Ankömmlinge im Januar 1879 in seiner Residenz in Lidsche unter einem Baldachin sitzend. Er war etwa 10 Jahre älter als Alfred Ilg. Dieser schildert Melenik als einen Menschen mit liebevollem Benehmen, den er bald wie einen Vater liebte und um dessentwillen er Jahre im Lande bleiben wollte. Alfred Ilg brauchte eine Vaterfigur und Melenik einen tüchtigen Ingenieur aus einem Land ohne Kolonien. Innerhalb weniger Monate nach seiner Ankunft lernte Alfred Ilg das Amharische, die Landessprache von Zentraläthiopien, in Wort und Schrift. Da es weder Lehrer noch eine brauchbare Grammatik gab, verglich er Satz für Satz die deutsche Bibel mit der amharischen Version der Bibel und erlernte so die Landessprache als Autodidakt.

Äthiopien ist nach dem heutigen Stand der Wissenschaft die Wiege der Menschheit: Hier wurden nicht nur die frühesten Überreste des Australopithecusbetrachtet gefunden, die 4,2 Mio Jahre alt sind. werden. In Äthiopien wurden auch das berühmten 3,5 Mio. alten Skelett von "Lucy" entdeckt, die schon aufrecht gehen konnte. (Jetzt im Museum von Addis Abeba). Die klimatisch günstige hohe Lage des Landes - mehrheitlich auf Hochebenen oberhalb von 1200 m oberhalb der Malariagrenze - begünstigte eine frühe kulturelle Entwicklung. Bereits im 2. Jahrhundert vor Christus wurde die Stadt Axum in der Provinz Tigre der glanzvolle Mittelpunkt des Reiches. Im Jahre 340 nach Christus nahm der äthiopische König Ezanas das orthodoxe Christentum an. Auch Melenik war ein gläubiger Christ, und das äthiopische Königtum verstand sich seit jeher als sakrales. Äthiopien war übrigens auch als einziges afrkanisches Land nie Kolonie einer fremden Macht.

1986: Der Aufbau des Landes und die Gründung der Stadt Addis Abeba durch Alfred Ilg

Ilg war ein Universalgenie: Er konstruierte Brücken, plante und baute Häuser, importierte Maschinen zum Strassenbau, Kalkbrennöfen für die Zementherstellung, legte eine Wasserleitung in Meneliks Palast, baute eine Munitionsfabrik und demonstrierte den Gebrauch moderner Waffen. Zugleich sorgte er sich um die medizinische Notversorgung seiner Arbeiter.

Eine besondere Rolle spielte Ilg bei dem 7 Jahre nach seiner Ankunft begannenen Aufbau der neuen Hauptstadt Addis Abeba ("Neue Blume"). Unter seiner Leitung schritt die Planung und der Bau der neuen Metropole stürmisch voran. Im Auftrag von Menelik kümmerte er sich auch um die Einrichtung der Post, der Telegraphie, um die Einführung der elektrischen Beleuchtung und die Prägung eigener Münzen. In den wenigen freien Stunden betätigte er sich auch noch als ein Pionier der frühen Photographie, und seine Sammlung von 1000 Photographien auf Glasplatten aus dem frühen Äthiopien sind heute von grossem Wert (heute im Völkerkundemuseum in Zürich).

Bemerkenswerter vielleicht als seine Leistungen als Ingenieur war der Aufstieg des Thurgauers zum politischen Berater des Kaisers in allen wirtschaftlichen und aussenpolitischen Entscheidungen. Er beherrschte die Landessprache und seine Loyalität zum Kaiser hat er mehrfach unter Beweis gestellt. Für Menelik war er der Mann für alles!

1889: Die Kaiserkrönung

1889 wurde Melenik vom Kirchenoberhaupt zum König der Könige, d.h. zum Kaiser von ganz Äthiopien gekrönt. Er nannte sich von nun an Menelik II. An der Krönungszermonie nahm Alfred Ilg als einziger Europäer in äthiopischer Tracht teil.

 Während der nun folgenden Regierungszeit des Kaisers spielte kein anderer Europäer eine so bedeutende Rolle für Äthiopien wie der Thurgauer Alfred Ilg. In Anerkennung seiner Verdienste um die Entwicklung des ganzen Landes ernannte Kaiser Menelik II Alfred Ilg kurz nach der Kaiserkrönung zum Staatsrat von Äthiopien. In dieser Eigenschaft war Ilg nicht nur verantwortlich für die technische und wirtschaftliche Entwicklung des Landes sondern auch offiziell für die Beratung des Kaisers in allen aussenpolitischen Angelegenheiten. Während der nun folgenden fast 10-jährigen Amtszeit als Staatsminister konzentrierte sich Ilg auf drei wichtigen Aufgaben:

  • der Bewahrung der politischen Unabhängigkeit des Landes
  • der Vergrösserung des Landes und seiner politischen Ausgestaltung
  • und dem Ausbau der Volkswirtschaft

1896: Die erfolgreiche Abwehr der italienischen Invasion

Im Zuge des agressiven Kolonialismus der europäischen Grossmächte versuchte auch Italien Äthiopien als Protektorat oder als Kolonie zu gewinnen, und damit auch eine Landbrücke von Eritrea nach Somali. Schon kurz nach der Kaiserkrönung beschloss Italien erst mit politischen Tricks aber notfalls auch mit militärischer Gewalt seine Ziele zu erreichen. Alfred Ilg war der erste, der den Kaiser auf die drohenden Absichten Italiens und die Gefahr hinwies. Er war es auch, der sich seit langem um eine bessere Bewaffnung der äthiopischen Krieger mit modernen Waffen gekümmert hatte, um die Unabhängigkeit des Landes bei einem Angriff auch wirksam schützen zu können. Im März 1896 war es dann soweit, während Ilg gerade in Europa weilte : Italien startete von Eritrea aus bei der Stadt Adua eine Offensive mit 20'000 Mann.

Diese Offensive endete mit einer vernichtenden Niederlage der Italiener. 4000 Europäer und 2000 "Askaris" verloren ihr Leben. Es ist das grosse Verdienst von Alfred Ilg, sich bei Menelik für einen "milden" Friedensvertrag ohne Gebietsforderungen und mit der umgehenden Entlassung aller Gefangenen eingesetzt zu haben. Durch diesen erstmaligen Sieg einer afrikanischen Armee über eine europäische Grossmacht stieg das internationale Ansehen des Landes und sein Selbstbewusstsein erhielt neuen Auftrieb.

1897: Baubeginn der Eisenbahn von Djibouti nach Äthiopien

Lange schon hatte Ilg dem Kaiser den Bau einer Eisenbahnlinie von dem Küstenort Djibouti ins Innere von Äthiopien vorgeschlagen. Jetzt nach dem Sieg bei Adua erhielt Alfred Ilg vom Kaiser die Konzession zum Bau der Bahn. Für die Finanzierung und den Bau gewann Ilg eine französische Gesellschaft. Bis 1906 war die Strecke bis Diredawa (km: 473) betriebsbereit. Die Dampflokomotiven wurden von einer Fabrik in Winterthur geliefert. Die endgültige Fertigstellung der Strecke bis Addis Abeba (km: 784) hat Alfred Ilg leider nicht mehr erlebt: Sie erfolgt erfolgte erst 1917, ein Jahr nach seinem Tod.

Ein Grabmal auf dem Friedhof Enzenbühl in Zürich mit der Inschrift "Alfred Ilg: Erster Staatsminister von Abessinien, 1854 - 1916" erinnert uns an sein Wirken in Äthiopien ebenso wie seine umfangreiche inzwischen archivierte Bildersammlung aus Äthiopien.

Die Texte und Bilder dieser Übersicht verdanke ich u.a. folgenden Quellen:
(1), (2), (3), (4), (5), (6).

 


- 21 Bilder


Die weitere geschichtliche Entwicklung Äthiopiens ist charakterisiert durch folgende Perioden:
1935 - 1941   Zweiter italienischer Kolonierungsversuch (mit Giftgasangriff)
1974   Sturz des Kaisers Haile Selassie
1974 - 1991   Sozialistischen Militärdiktatur unter Mengistu  
ab 1991   Demokratisierung des Landes 
seit 1998   Grenzstreitigkeiten mit Eritrea 

siehe dazu: Asfa-Wossen Asserate, Erinnerungen an Äthiopienn, Ein äthiopischer Prinz (aus dem Hause David) kam früh  nach Deutschland und lebt jetzt hier.   Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 2007.

Zum 100. Todestag im Jahr 2016 erschien in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ am 7. Januar 2016) eine ganzseitige sehr lesenswerte Würdigung dieses berühmten Salensteiner Bürgers (von Martin Woker). Alfred Ilg ist somit nach Napoleon III der prominenteste Bürger von Salenstein.