Die frühere Badstube in Ermatingen

von Hans Heeb


Im Frühling des Jahres 1968 kamen wir nach Ermatingen. Wenig später hörte ich bei einem Einkehr nach einer Sitzung der Sekundarschul-vorsteherschaft, dass jemand von einer Badstube und von einem Badstubenbuch berichtete. Aus dem Zusammenhang schloss ich, dass es sowohl die Badstube wie auch das Badstubenbuch in Ermatingen gegeben hatte. Doch - eine Badstube - ein Badstubenbuch - was war den das? Was hatte es damit für eine Bewandtnis? Gab es da in Ermatingen vielleicht schon sehr früh so etwas ähnliches wie ein Volksbad? Und wenn ja, wo könnte es gewesen sein?

Nun - die Badstube - man sprach z.T. auch einfach von der Stube oder dann vom Badhaus - kennen wir etwa vom 13. Jahrhundert an und dann bis um 1800 herum. Die Badstube wurde in der Regel im Auftrag der Gemeinde oder im Auftrag einer öffentlichen Institution von einem «Bader» geführt. Besucht scheint die Badstube vorwiegend an Samstagen und am Vorabend von hohen Feiertagen worden zu sein. Der Besuch einer Badstube erfolgte in der Regel nach Geschlechtern getrennt. Die Betreiber - das heisst die Gemeinden und die öffentlichen Institutionen - erliessen aber auch Badeordnungen; in diesen waren die Pflichten des Baders und des Personals festgehalten, zudem fanden sich in ihnen auch Vorschriften für das Verhalten der Gäste. Vor allem in gewissen Vierteln grösserer Städte konnte es trotzdem einmal geschehen, dass eine Badstube zu einem Bordell wurde.

Doch - was geschah dann in einer Badstube?

In Zedlers Universallexikon vom Jahre 1733 lesen wir: «Es siehet aber eine Badstube also aus: Es ist nemlich ein niedriges Gemach, an dessen einem Ende ein Ofen, neben diesem Ofen aber ein Kessel mit heis-sen, und ein Kübel mit kalten Wasser ist, daraus man schöpfen, und wie man es brauchen will, die Wärme mässigen kann. An denen Wänden sind Bäncke vor und über einander, darauf man sich höher oder niedriger setzen kann, nachdem man starck oder gelinde zu schwitzen verlanget, und diese werden die Schwitz-Bäncke genennet. Diejenigen, welche nass baden wollen, setzen sich in eine Bade-Wanne, die mit Wasser angefüllt ist».

Diese Beschreibung einer Badstube aus dem 18. Jahrhundert mag uns zunächst einmal deutlich machen, was in einer Badstube nicht möglich war - in einer Badstube konnte man nicht schwimmen.

Wer in einer Badstube baden wollte, setzte sich in eine Badewanne oder in einen Zuber. Im Gasthaus Badstube in Stein a. Rh. - in diesem Haus befand sich die älteste Badstube des Kantons Schaffhausen -finden sich diesbezüglich eindrückliche Darstellungen. Der Bader war beim Baden behilflich.

Man muss sich, wenn man an eine Badstube denkt, vielleicht eher eine Sauna vorstellen. Das Schwitzen war wichtig. Es gab Badstuben, in denen für das Schwitzen ein besonderer Raum zur Verfügung stand. Als die Badstube in Ermatingen abgebrochen wurde, vermissten zwei Ermatinger das Schwitzen so sehr, dass sie es mit einem Backofen versuchten; beide bezahlten dafür mit dem Leben.

Diese Bilder sind zu sehen im Restaurant des Gasthauses Badstube in Stein am Rhein (Alle Photos von: Marianne Séchaud, Stein AR.)

Und dann - auf der Badstube basierte im Wesentlichen das Sanitätswesen seiner Zeit. Zunächst war der Bader sicher einmal zuständig für das Schneiden der Haare, für das Rasieren, für das Aderlassen, für das Schröpfen, für das Ziehen der Zähne und für kleine Wundbehandlungen. Viele Bader haben ihre Tätigkeit aber ausgeweitet. Sie haben Darmspülungen gemacht, Leistenbrüche «operiert», Blasensteine entfernt, Menschen vom Grauen Star befreit, Knochenbrüche wieder in Ordnung gebracht und notfalls auch Glieder amputiert.

Nicht sagen kann ich allerdings, wie weit einzelne Ermatinger Bader da gegangen sind. Für die Narkose verwendete man ein Mittel, das aus Pflanzen hergestellt war und Schnaps. Wichtig war bei solchen Eingriffen dann aber auch die Schnelligkeit des «Chirurgen». Und sicher hatten manche Patienten natürlich auch das Glück, dass sie während eines Eingriffes ohnmächtig wurden. Wenn wir heute aber versuchen, uns diese Situationen vor Augen zu halten, sind wir bestimmt dafür dankbar, dass wir jetzt die Möglichkeit haben, uns zu Dr. Kurt Hausammann oder Dr. Adrian Hermann oder in eines unserer Krankenhäuser zu begeben. Im Übrigen, wer Bader werden wollte, musste sich zu einemBader in die Lehre begeben. Eine Wappenscheibe aus Bürglen aus dem Jahre 1564 zeigt einen Bader mit seinem Lehrling.


Unsere Ermatinger Badstube ist erstmals erwähnt im Jahre 1344. Sie gehört damit sicher zu den sehr alten Badstuben - auf die älteste Badstube des Kantons Schaffhausen - es ist die Badstube «am Tatsch» in Stein a. Rh. - stossen wir etwa 100 Jahre später, nämlich im Jahre 1434.

Und hier die Besitzer unserer Ermatinger Badstube, soweit sie uns bekannt sind:

1595 Hans Müe, aus Immenstadt
1611 Gerheuser
1632 Leonhard Manz, aus Konstanz
1654 Hans Georg Schlegel, aus Buchhorn - das ehemalige Buchhorn ist das heutige Friedrichshafen
1662 Hans Konrad Kirchhofer, aus Eschenz
1664 Johannes Brunner, von der Reichenau
1668 Joseph Keller und Sohn, aus Konstanz oder Süpplingen
1689 Hans Jakob Tobler, aus Tobel im Appenzeller-Vorderland
1702 Dessen Sohn gleichen Namens
1731 Dessen Sohn Sebastian
1780 Dessen Neffe Johann Jakob Tobler.

Obwohl unsere Badstube sehr geschätzt war, kam es gerade im Zusammenhang mit ihr immer wieder zu Auseinandersetzungen.

Schwierigkeiten gab es oft wegen des Gratisholzes, das man unter gewissen Voraussetzungen vom Jahre 1501 an aus dem Zwingwald beziehen konnte. Anrecht auf dieses Gratisholz hatte man, wenn man Hausbesitzer war - wenn man einen «eigenen Rauch führte» - und wenn man Bürger war. Alle Bader waren Hausbesitzer - sie waren aber keine Bürger - sie waren «nur» Hintersassen. Bekamen sie nun Gratisholz, weil sie Hausbesitzer waren? Bekamen sie kein Gratisholz, weil sie Hintersassen waren? Das Problem ist nie endgültig gelöst worden. Der ehemalige Ermatinger Lehrer Arnold Bosshard schreibt einmal: «Diese Verquickung von Hausbesitz und Bürgergerechtigkeiten bildete bis in die Neuzeit den Hintergrund zahlloser Prozesse. welche die Gemeinde gegen reiche Hintersassen führte».

Auseinandersetzungen scheint es gelegentlich auch in Bezug auf den Lohn der Bader gegeben zu haben.

Dann - es gab immer wieder «Heiler» - und das waren Einheimische und Fremde -, die ihre Tätigkeit ausserhalb einer Badstube ausübten. Unter diesen Heilern gab es Leute, die durchaus gewisse Fähigkeiten hatten; andere waren Scharlatane, die z.T. auch an Jahrmärkten auftraten. Sicher aber ging es da dann auch um das Einkommen der Bader. Und darum gingen die Bader gegen diese Leute dann auch vor. Dieses Vorgehen wurde wohl dadurch erleichtert, dass es sich bei den Badstuben - auf alle Fälle im Thurgau - um «Ehehaften» handelte, das heisst, den Badstuben wurde - so wie z.B. auch den Schmieden, den Bäckereien und den Gaststätten, die Leute nicht nur verköstigten, sondern auch beherbergten - von der Obrigkeit eine Art Gewerbepatent verliehen. Dieses bezog sich aber immer auf das Gebäude, nie auf die Person. Die obrigkeitlichen Entscheide fielen dann recht verschieden aus. Es gab Heiler, denen ihre Tätigkeit untersagt wurde. Anderen war nur noch eine begrenze Tätigkeit erlaubt.

Im Jahre 1782 wurde die Badstube von dem damaligen Besitzer Johann Jakob Tobler - trotz des Widerstandes der Gemeinde - abgebrochen. Möglicherweise an der gleichen Stelle, an der die Badstube gestanden hatte, erbaute der einer Appenzeller-Vorderländer Familie entstammende Johann Jakob Tobler «das grosse Appenzellerhaus». Das Haus wurde bekannt als «Toblerhaus», spätere Generationen kannten es unter dem Namen «Villa Sauter». Ein Zimmer in seinem neuen Haus hat Johann Jakob Tobler noch als Badstube eingerichtet. Auch hat er ein weiteres Zimmer sehr wahrscheinlich als «Kran-kenstübchen» benützt, in dem er Kranke für kürzere oder längere Zeit aufnehmen konnte.

Von Johann Jakob Tobler heisst es, dass er die Badstube «samt dem Häuslein» abgebrochen habe. Man hat schon vermutet, dass es sich beim Häuslein um das «Spitöli» gehandelt hätte. Dieses stand tatsächlich in der Nähe der Badstube. Es wird erstmals erwähnt im Jahre 1528 - ein frühes Armenhäuschen, das mit einem kleinen Gefängnis verbunden war.

Da unsere ehemalige Kindergärtnerin Luise Steiger das Spitöli aber noch gesehen hat, kann es nicht zusammen mit der Badstube im Jahre 1782 abgebrochen worden sein.

Im Staadgarten muss also noch ein drittes Gebäude gestanden haben. Dieses wurde - wohl recht grosszügig - als «das alte Spital» bezeichnet. In diesem dürfte sich dann auch das Krankenstübchen befunden haben, in dem Kranke für eine bestimmte Zeit bleiben konnten. Und Johann Jakob Tobler konnte dieses Häuslein auch abbrechen, weil es -wohl sinnvollerweise - zur Badstube gehörte.

Doch - warum hat Johann Jakob Tobler - so ganz gegen den Willen der Gemeinde - die Badstube zusammen mit dem Häuslein abbrechen lassen? Die Antwort hegt zunächst auf der Hand - die Badstube war jetzt nicht mehr in einem guten Zustand. Tobler bezeichnete sie einmal als einen Winkel und als ein Loch. Letztlich waren es aber zwei wesentliche Gründe, die Tobler die Badstube abbrechen Hessen.

Nach der Blütezeit der Badestuben im 13. Jahrhundert gab es immer wieder Einbrüche. Die Badstübc hatte stets einen grossen Bedarf an Holz. Im 15. Jahrhundert aber wurde das Holz knapp und teuer. Pestepidemien und die Tatsache, dass Landsknechte die Syphilis in den deutschen Bereich brachten sowie der Dreissigjährige Krieg - er dauerte von 1618 bis 1648 - führten zur Schliessung von Badstuben. Um das an einem Beispiel deutlich zu machen - im späten Mittelalter gab es in der Stadt Wien, die damals natürlich viel kleiner war als heute, 21 Badstuben, im Jahre 1534 noch 11 und am Anfang des 18. Jahrhunderts noch 7. Im 18. Jahrhundert gab es dann für viele Probleme, die bis dahin die Badstube abgedeckt hatte, andere Möglichkeiten. Vor allem Probleme der Hygiene konnten jetzt anders gelöst werden. Um das an einem Beispiel deutlich zu machen - vor allem in grösseren Städten gab es jetzt nach und nach die ersten Volksbäder.

Vor allern aber - im 18. Jahrhundert kam es zu einem Aufbruch im Bereich der Medizin. Sicher gab es schon im 18. Jahrhundert und vorher den akademisch ausgebildeten Arzt. In der alten Eidgenossenschaft gab es seit 1460 die Universität Basel mit einer medizinischen Fakultät. Wer in dieser Zeit aber Arzt werden wollte, ging in der Regel zu einem Arzt in die Lehre. Da aber musste sich etwas ändern. Was aber interessant ist - im Thurgau wurde das Problem gerade nicht von akademisch ausgebildeten Ärzten, sondern von Leuten, die aus dem Heilerbereich herkamen, angegangen. In Diessenhofen bildete sich im Jahre 1735 das Collegium chirurgicum. Es war eine zunftähnliche Vereinigung und bestand aus fünf Mitgliedern, die mit einer Ausnahme Bürger von Diessenhofen waren.

Das Ziel dieses Collegiums war es, Lehrlinge auszubilden, diese ein Examen bestehen zu lassen und so zu Meistern zu machen. Für diese jungen Männer wurden dann auch Lehrbriefe ausgestellt. Bis 1798 - dieses Jahr brachte dann das Zunftverbot - wurden 46 Lehrlinge ausgebildet - sie kamen aus einem Gebiet, das in etwa bis nach Kreuzlingen, Frauenfeld, Winterthur und Schaffhausen reichte. Und was vielleicht doch etwas erstaunt - die Berührungsängste zwischen Heilern und akademisch ausgebildeten Ärzten scheinen gerade im 18. Jahrhundert nicht besonders gross gewesen zu sein. Die vom Collegium chirurgicum in Diessenhofen ausgestellten Lehrbriefe wurden von den akademisch ausgebildeten Ärzten anerkannt. Verschiedene von den so Ausgebildeten haben die akademische Ausbildung übrigens noch nachgeholt.

Im Jahre 1782 gründeten Zürcher Ärzte und Chirurgen eine Privatunterrichtsanstalt für angehende Ärzte. Auch das mag uns deutlich machen, dass das Nebeneinander und Miteinander von Heilern und Ärzten für das 18. Jahrhundert typisch war.
Die Universität Zürich mit ihrer medizinischen Fakultät entstand erst im Jahre 1833, die Universität Bern im Jahre 1834. Was andererseits aber selbstverständlich ist - diese Entwicklung der Medizin im 18. Jahrhundert und später bedeutete zugleich das Ende der Badstuben. Eine Tradition, die rund 500 Jahre gedauert hatte, war nun zu ihrem Ende gekommen.
Im 19. Jahrhundert bildeten sich im Ärztebereich verschiedene Vereinigungen. Erwähnt sei an dieser Stelle lediglich die Werthbühlia, die im Jahre 1833 im Bezirk Weinfelden entstand und die heute noch besteht. Und nicht unerwähnt bleibe auch, dass das Collegium chirurgicum unter dem Namen «Medizinisch-chirurgische Gesellschaft Diessenhofen» bis zum Jahre 1903 existierte. Alle diese Vereinigungen hatten das Ziel, Fachwissen und Allgemeinbildung zu vermitteln.

Nachgewiesen sind von Kreuzlingen bis Diessenhofen 12 Badstuben - 1 in Kreuzlingen, 1 in Ermatingen, 1 in Berlingen, 1 in Steckborn, 4 in Stein a. Rh. und 4 in Diessenhofen.

Zu danken habe ich im Zusammenhang mit diesem Artikel:Alfons Bieger in Amriswil mit seinem Buch «Schröpfende Heiler - schwitzende Kranke», erschienen im Jahre 2003 als Band Nr. 140 der Thurgauer Beiträge zur Geschichte; unserem ehemaligen Lehrer Arnold Bosshard; Roland Schefer vom Gasthaus Badstube in Stein a. Rhein; Luise Steiger und ihrem verstorbenen Vater Hermann Steiger, sowie verschiedenen Angestellten im Rathaus.