Zwischen Ermatingen und Triboltingen: Das Klösterchen im Agerstenbach und sein Altarbild

von Pfarrer Hans Heeb


Kaum jemand aber weiss heute noch, dass im Agerstenbach während Jahrhunderten ein Klösterchen stand. Auf einer Rebkarte aus dem Jahre 1826 ist das Klösterchen eingezeichnet. Es befand sich an jener Stelle (siehe "A" in der Karte unten), wo das Haus stand, vor dem es eine Zeitlang eine Tanksäule gab. Vom Agerstenbach, wo heute noch ein paar wenige Gebäude stehen, geht der Blick hinaus auf den Untersee, hinüber zur Reichenau und zum Bodanrück.

Die Geschichte des Klösterchens festzuhalten ist allerdings nicht einfach. Es ist eine komplizierte und wechselvolle Geschichte.

Um 1447 ist erstmals die Rede von einer «sannt Margarethen kirchen in dem Agelstarenbach» - andere Ortsbezeichnungen lauten Sagelstarenbach und Elsternbach. So hat es im Agerstenbach also schon im 15. Jahrhundert - vielleicht sogar schon etwas früher - eine Art Klösterchen gegeben. Im Jahre 1471 belehnt Abt Johann vom Kloster Reichenau - das Klösterchen ist ein Lehen der Reichenau - einen Erhard Rüschenberg aus Ermatingen mit dem «Haus zu Sankt Margarethen am Sagelstarenbach». Aus dieser Tatsache darf wohl geschlossen werden, dass es damals im Agerstenbach keine Mönche mehr gab. Wäre es denkbar, dass die Unruhen im Vorfeld des Schwabenkrieges, der dann im Jahre 1499 stattfand, da schon mitgespielt haben?

Um 1524 herum scheint es - wiederum von der Reichenau aus - zu einer Neugründung eines Klösterchens im Agerstenbach gekommen zu sein. Eine fromme Frau aus Konstanz habe ein Stück Land geschenkt und eine Wochenmesse gestiftet. In der Reformationszeit scheint das Klösterchen einmal beschädigt worden zu sein. Es wurde dann aber wieder instand gestellt - vermutlich mit Hilfe der Frau aus Konstanz,

die das Klösterchen auch gestiftet hatte. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verkaufte die Reichenau das Klösterchen an das Kloster Petershausen in Konstanz.

Im Jahre 1599 heisst es dann aber wiederum, dass das Bruderhaus «gewesen» sei. Aus dieser Bemerkung kann aber doch wohl geschlossen werden, dass es damals im Agerstenbach wiederum keine Mönche mehr gab. Wäre es denkbar, dass diesmal die Reformation hineingespielt hätte? Um 1650 verkaufte das Kloster Petershausen das Gotteshaus und Gut im Agerstenach den Jesuiten in Konstanz. Diese scheinen sich in der Folgezeit mit dem Klösterchen dann eher schwer getan zu haben.

Eines Tages hängten die Jesuiten im Agerstenbach ein Bild an eine Eiche. Sie hofften, das Bild zu einem Gegenstand der Verehrung und den Agerstenbach zu einem Wallfahrtsort zu machen. Mit dem Hinweis darauf, dass das den geltenden Friedensbestimmungen widerspreche, wurden sie dann aber aufgefordert, das Bild wieder zu entfernen.

Am Dienstag vor Himmelfahrt führte jeweils eine Bittprozession von Ermatingen aus nach dem Agerstenbach. Auch waren von Ermatingen aus im Agerstenbach Messen zu lesen. Eines Tages aber erklärte der Kaplan, der die Messen hätte lesen sollen, dass er nicht mehr bereit sei, für eine Entschädigung von 20 Gulden im Jahr regelmässig von Ermatingen nach dem Agerstenbach zu gehen.

Die Jesuiten selber baten eines Tages ihren Bischof, die Messen, die sie im Agerstenbach hätten lesen müssen, in ihrer Kollegskirche in Konstanz - in der heutigen altkatholischen Christuskirche - lesen zu dürfen.



Und dann - die Jesuiten bauten das Klösterchen aus zu einem Landgut. Schon bei der Übernahme des Klösterchens durch die Jesuiten wurden im Zusammenhang mit dem Klösterchen erwähnt: 1 Torggel und Viehstall, 7 Juchart Reben, Ackerfeld, Hanf und Krautgarten, Baumgarten, Heu- und Emdwiesen, alles in einem Einfang, «welches von dem Gotteshaus Reichenau zu Erblehen herrührt». Diesen Besitz scheinen die Jesuiten dann noch abgerundet zu haben.

Und - die Jesuiten entdeckten den Agerstenbach als Ferienmöglichkeit. Vor allem im Herbst scheinen sie gern im Agerstenbach gewesen zu sein. Im Zusammenhang mit dem Spanischen Erbfolgekrieg - er dauerte von 1701-1714 - ergab sich für die Jesuiten, die im Agerstenbach gerade ihre Ferien verbrachten, allerdings einmal eine bedrohliche Situation. Die Patres mussten das Haus eines Tages Hals über Kopf verlassen und nach Konstanz fliehen. Dort konnten sie gerade noch in die Stadt hineinkommen - die Konstanzer waren gerade im Begriff, ihre Stadttore von innen zu verrammeln.

Die bestehende Situation - Landgut und Ferienhaus - erforderte natürlich verschiedene Umbauten. Das zweigeschossige Gebäude (siehe Bild) war etwa 40 m lang. Die Kapelle lag im östlichen Drittel des Erdgeschosses. Ihre Länge betrug etwa 11 m, ihre Breite etwa 9 m, ihre Höhe etwas mehr als 4 m. Auf der Westseite gab es eine Empore, die auch vom Haus aus betreten werden konnte. Auf der Ostseite befand sich der Hauptaltar, der der Heiligen Margaretha geweiht war. Vier Säulen stützten die Decke. Im Erdgeschoss wohnte noch der Landwirt und im westlichen Drittel befand sich ein Stall. Im ersten Stock wohnten der Prokurator - der Verwalter - sowie der Dispensator -der Schatzmeister. Zudem befanden sich im oberen Stock ein Speisesaal für 26 Personen und die entsprechenden Schlafmöglichkeiten. Auf dem First der Kapelle war - abgesehen vom Kreuz - ein Türmchen mit einer geschweiften Haube und einer kleinen Glocke zu sehen. Neben diesem Gebäude muss es noch mindestens ein Wirtschaftsgebäude gegeben haben.

Im Jahre 1774 hat Kaiser Joseph II. das Konstanzer Jesuitenstift aufgehoben. Das zum Klösterchen gehörende Land wurde dann verkauft und der Erlös - es handelte sich um den ansehnlichen Betrag von 10000 Gulden - für die Schulen in Konstanz verwendet. Die Gebäude wurden vom bischöflichen Amt Reichenau zurückgekauft. Im Jahre 1793 gab der Bischof von Konstanz die Gebäude zum Verkauf frei. Die späteren privaten Besitzer mussten sich allerdings verpflichten, für den Unterhalt der Kapelle besorgt zu sein und pro Woche eine Messe lesen zu lassen. Die verschiedenen Besitzer scheinen ihren Verpflichtungen allerdings mehr schlecht als recht nachgekommen zu sein. Das Klösterchen verlotterte mehr und mehr. Am 15. März des Jahres 1887 brach es dann in sich zusammen.

Als das Klösterchen Agerstenbach in sich zusammenbrach, gingen auch unzählige Wegmarkierungen von «Fahrenden» verloren. In früheren Zeiten waren oft - und in Grenzgebieten natürlich ganz besonders - «Fahrende» - Bettler, Heimatlose, Kessler und Zigeuner -unterwegs. Oft handelte es sich dabei auch um ganze Gruppen. Vor allem mit Röteln brachten sie an verschiedenen Stellen ihre Zeichen an, die angaben, welche Richtung sie eingeschlagen hatten. Bei diesen Zeichen handelte es sich in der Regel um eine Art Familienwappen. Dass aber gerade unser Klösterchen, das sich einerseits mehr und mehr in einem schlechten Zustand befand, anderseits aber auch die nötigen freien Flächen hatte, zum Anbringen von solchen Zeichen geradezu einlud, ist eigentlich fast selbstverständlich.

Die katholische Kirchgemeinde Ermatingen hatte schon früher auf alle Rechte, die sie an der Kapelle hatte, verzichtet und alles Inventar übernommen - den der Heiligen Margaretha geweihten Hauptaltar mit dem Bild der Heiligen Margaretha, den Josefsaltar und den Antoniusaltar, die Glocke, einen Messkelch und etliche Messgewänder, Kirchenzierden sowie die Reliquien. Dieses Inventar scheint weitgehend auf den Estrich des damaligen katholischen Pfarrhauses gekommen zu sein - dieses damalige katholische Pfarrhaus befindet sich heute im Besitz von Frau Philomena Fahrni und ist das Haus Nr. 10 an der Fruthwilerstrasse. Im Jahre 1884 erhielt der katholische Pfarrer von Ermatingen die Vollmacht, das Inventar der Kapelle Agerstenbach zu verkaufen. Von dieser Vollmacht scheint er dann auch grosszügig Gebrauch gemacht zu haben.

Wir erinnern uns - im Jahre 1599 hat es schon einmal geheissen, dass das Bruderhaus im Agerstenach «gewesen» sei. Heute ist das ehemalige Klösterchen

im Agerstenbach wiederum «gewesen». Ich denke, dass ein grosser Teil der Bevölkerung in unserer Gemeinde wohl nicht mehr weiss, dass es dieses Klösterchen überhaupt einmal gab.

Erhalten geblieben sind uns noch drei Gegenstände - ein Kästchen, die Glocke und das Altarbild der Heiligen Margaretha.

Ein kleines Kästchen aus Tannenholz versieht heute seinen Dienst in einer Familie in Triboltingen. Die kleine Glocke, deren Läuten man im Agerstenbach hören konnte, hängt heute im Türmchen der Kapelle in Salen-Reutenen. Das Altarbild der Heiligen Margaretha überlebte auf dem Estrich des alten katholischen Pfarrhauses an der Fruthwilerstrasse und später im Arbeitszimmer von Herrn Fahrni.

Bei der Heiligen Margaretha handelt es sich um eine Mätyrerin aus Antiochia aus dem 4. Jahrhundert. Weil sie Christin war und auf ihren christlichen Glauben auch nicht verzichten wollte, wurde sie unter Kaiser Diokletian enthauptet.

Bei Antiochia handelt es sich sehr wahrscheinlich um Antiochia in Syrien - im Gegensatz zu Antiochia in Pisidien, das in der heutigen Türkei liegt. Antiochia in Syrien war zu Beginn unserer Zeitrechnung vermutlich - nach Rom und Alexandria in Ägypten - die dritt-grösste Stadt der Welt. In dieser Stadt ist vermutlich auch die erste christliche Gemeinde entstanden, die sich aus Juden - und aus Heidenchristen zusammensetzte. Auch Paulus hätten wir in Antiochia in Syrien begegnen können.

Das Bild zeigt die jugendliche Märtyrerin im Gefängnis. Einen Drachen, der sie verschlingen will, wehrt sie mit einem Stabkreuz ab. Sie blickt zum offenen Himmel hinauf, aus dem der Heilige Geist in Form einer Taube mit der Märtyrerkrone herabschwebt.

Das Bild - seine Höhe beträgt etwa 190 cm, seine Breite etwa 125 cm - wird von den Kunsthistorikern dem Umfeld der grossen Barockmaler Jakob Carl Stauder und Franz Ludwig Herrmann zugeschrieben. Jakob Carl Stauder lebte von 1694-1756, Franz Ludwig Herrmann von 1723-1791. Franz Ludwig Herrmann hat auch die Fresken an der Chordecke unserer Kirche geschaffen sowie die Bilder für den ehemaligen Hochaltar unserer Kirche, der ebenfalls vorne im Chor steht, gemalt.

Unser Bild stammt also nicht von einem der grossen Barockmaler unserer Region. Dass es aber dem Umfeld dieser bedeutenden Barockmaler zugeschrieben wird, macht uns schon deutlich, dass es sich bei unserem Bild um ein bedeutendes Kunstwerk handelt. Die Tatsache aber, dass es sich bei unserem Bild um das Altarbild aus dem Klösterchen Agerstenbach handelt, macht es zusätzlich zu einem wertvollen Kulturgut unserer Gemeinde.


 

Dieser Artikel stützt sich auf die Veröffentlichung "Unbekannt - man fährt achtlos vorbei / Vom abgegangenen Klösterle Agerstenbach" - von Paul Bär und Dieter Städele - erschienen im Delphin-Buch 6 (Labhard-Verlag GmbH Konstanz ) im Jahr 2000.
Weitere Angaben verdanke ich dem Amt für Denkmalpflege in Frauenfeld sowie Herrn Arnold Bosshard in Wetzikon/ZH, ehemals Lehrer in Ermatingen.

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