Festpredigt von Pfarrer Dr. Gebhard Hürlimann (1978)
über die Geschichte der Religion in Ermatingen

Pfr. Hürlimann ging ausführlich auf die lokale Geschichte unserer Region ein, auf die steinzeitlichen (3500 - 2300 v.Chr.) und die bronzezeitlichen (2300 - 1100) Pfahlbauten am Bügen, auf die Römer sowie auf die Gründung von Ermatingen durch die Franken. Urkundlich wird Ermatingen erstmals sicher im Jahre 724 n.Chr. erwähnt. Nach dem Schwabenkrieg (1499) wurde Ermatingen im Jahre 1528 evangelisch. Kurz danach, seit 1536, wurde Ermatingen paritätisch.


Festpredigt

Die Predigt hielt Herr Pfarrer Dr. Gebhard Hürlimann.

In Jesus Christus Geliebte!

Wir sind heute in dieser altehrwürdigen SI. Albinskirche  zusammengekommen, um vor Gott, über unsere Ge-  schichte und Auserwählung nachzudenken. Es können  nicht viele Kirchgemeinden auf eine so reiche und viel-  fältige Vergangenheit zurückblicken, um aus ihr  Hoffnung auf alle Zukunft zu schöpfen, wie wir. Wenn  wir heute gar eine Ermatinger Pfarrer-Tafel einweihen,  dann gedenken wir vor allem der göttlichen Gnaden,  die uns durch unsere Seelsorger zuteil wurden. Viele  von ihnen konnten aber diese Gnaden nur weitergeben,  weil sie sich ganz in den Dienst Gottes stellten,  Christus nachfolgten und Tag für Tag das Kreuz auf  sich nahmen. Neben Hosanna-Rufen vernahmen viele  auch bald den Ruf: «Ans Kreuz mit ihm!» Viele wurden  dadurch stärker, wenige gingen daran fast zugrunde  und einige zogen enttäuscht wieder weg. 

Schon als Ort scheint Gott Ermatingen besonders geliebt und ausgezeichnet zu haben. Er gab ihm die bevorzugte Lage am lieblichen Untersee, ein mildes Klima, Rebberge und viele, viele Fische. Das trug nicht nur  zur guten Laune der Einwohner bei, sondern liess auch  in Notzeiten überleben.

Im Herzen Europas, an der grossen Nord-Süd und OstWest Verbindung gelegen, nahm es immer auch teil an  den Kulturen der verschiedenen Völker Europas. Wenn  wir die frühesten Perioden der Geschichte unserer  Gegend mit der ägyptischen und morgenländischen  vergleichen, dann wären unsere steinzeitlichen Pfahlbauten von 3500 bis 2300 und die bronzezeitlichen von  2300 bis 1100 am Bügen und im Staad gestanden und  die bekannten Menschen der Hallstattkultur hätten bis  850 vor Christus an unserem See gelebt. Während die  Aegypter ihre Pyramiden bauten, zimmerten die Pfahlbauer mit Steinbeilen ihre Pfahlhütten. Als der grosse  Babyionier Hammurabi seine Gesetze gab, Abraham  und Moses das israelische Volk führten, erfreuten sich  unsere Pfahlbauer an Bronzewaffen und ihre Frauen an  Bronzeschmuck. Als Salomon den Tempel baute und  als Karthago und Rom gegründet wurden, errichtete  man hier am See zur Hallstattperiode den Herrschern  und Häuptlingen die grossen Grabhügel in Hohenrain,  auf dem Wolfs- und Eugensberg. Als die Römer noch  vor Christi Geburt an den Rhein und die Donau vordrangen, brachten sie römische Kultur auch zu unseren Vorfahren. Römische Münzen, die in unseren Aeckern gefunden wurden, geben lebhaft davon Zeugnis.  Mit den späteren römischen Soldaten muss auch erstmals christliches Glaubensgut in unsere Gegend gekommen sein. Denn Kaiser Konstantin der Grosse  setzte durch das Mailänder Toleranzedikt 313 das Christentum dem Heidentum gleich und Kaiser Theodosius  erklärte 380 das Christentum zur einzigen Staatsreligion  des ganzen römischen Reiches und verbot zugleich den  heidnischen Kult. Darum wurden sicher am Ende des 4.  Jahrhunderts in den römischen Kastellen heidnische  Tempel in christliche Kirchen verwandelt. Dabei denken  wir an Eschenz und Konstanz. Diese erste christliche  Kultur unserer Gegend wurde aber bald wieder zerstört.  Denn immer wieder durchbrachen heidnische Alemannen den Limes. Das erste Mal schon 259. Doch gelang  es den Römern damals noch, sie wenigstens wieder  über den Rhein zurückzuwerfen. In der Mitte des 5.  Jahrhunderts aber waren die Römer zu schwach, um  den Einfällen der Alemannen entgegentreten zu kön-
nen. Die Römer zogen sich nach Rätien zurück und den  Alemannen gelang es, ihre Herrschaft bis zu den Alpen  auszubreiten. Darum lebte in unserer Gegend das Heidentum wieder neu auf. Welch göttliche Vorsehung,  dass 496 die Alemannen vom christlich gewordenen  Frankenkönig Chlodwig unterworfen wurden. Jetzt war  der Weg fürs Christentum wieder frei. Dem König lag  die Bekehrung der Alemannen nicht nur aus religiösen,  sondern auch aus politischen Gründen sehr am Herzen.  Dass ihm dies bald gelungen ist, beweist die Tatsache,  dass in Alemannen-Gräbern um 600 herum bereits  Goldblattkreuze gefunden werden.

Ermatingen eine fränkische Gründung?

Das Patrozinium oder Namensfest unserer Kirche sagt  uns, dass die Gründung unserer Pfarrei in diese fränkische Aera hinabreichen muss. Sie ist dem Heiligen AIbin geweiht. Albin wurde 496 geboren. Er war Mönch  und Abt des Klosters Tincillacense und starb am 1.  März 550 als Bischof von Angers. Um seine Verehrung  bemühte sich vor allem Gregor von Tours, der von 573  bis 594 Bischof von Tours und Berater des fränkischen  Königshauses war. Durch ihn wurden die fränkische  Königin Brunhilde und ihr Sohn Childebert 11.grosse  Albinsverehrer. Seit 575 bis 613 regierte Brunhilde für  ihren Sohn über unser Gebiet, darum kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie nach 575 hier in Ermatingen  zu Ehren des HI. Albin eine Kirche stiftete. Diese  Vermutung lässt sich auch gut verbinden mit der Tatsache, dass damals für die Alemannen ein Bischofssitz in  Konstanz neu gegründet oder von Windisch nach Konstanz verlegt wurde und dass Kolumban um 610, als er  in unserer Gegend predigte, bereits einen christlichen  Fürsten Gunzo in Ueberlingen vorfand und in Arbon von  einem Pfarrer Willimar und einem Diakon Hiltipolt aufgenommen wurde. Womit wir eigentlich im Geqensatz  zu einem 80D-Jahr-Jubiläum von Luzern, ein 1400-JahrJubiläum von Ermatingen feiern könnten.  Ermatingen sicher am 25. April 724 erwähnt  Sicher wird Ermatingen urkundlich erst am 25. April 724  erwähnt, als Karl Martell dem Heiligen Primin die Insel  Reichenau schenkte, um dort ein Kloster zu gründen  und dazu Ermatingen mit 24 namentlich genannten  Thurgauern. Der königliche Statthalter Sintlaz vom  Schloss Sandegg soll Pirmin von Ermatingen auf die  Insel gerufen haben. Das würde dafür sprechen, dass  Ermatingen bereits ein grösserer Ort war. Und schon  taucht um 750 herum der Name des ersten bekannten  Ermatinger Pfarrers auf. Im Verbrüderungsbuch der  Reichenau lesen wir: «Honornan, Priester hat ein Messbuch, das darnach Pfaff Hiltimar, der zu Ermatingen  war, behielt.» Und «Hiltlmar, Priester und Bruder». War  also unser erster Pfarrer schon ein richtiger Thurgauer,  der sich die schönen und kostbaren Sachen einfach aneignete? Sicher hat das Behalten des Buches dem  Chronisten einen grossen Eindruck gemacht. Aber dennoch ist zu sagen, dass Hiltimar Mönch und Priester  der Reichenau war, also kein Privateigentum besass,  wohl aber die Kostbarkeiten des Klosters nutzen durfte,  also auch das Buch behalten durfte, so lange als er es  brauchte.

Von da an geben die Urkunden für lanae Zeit keine  Ptarrernamen mehr preis. Da sich aber die Pfarrer von  Errnatinqen Leutpriester nannten, waren sie sich bewusst, dass sie im Namen und Auftrag des Klosters die  Seelsorge ausübten und dass letztlich der Abt der Reichenau die Verantwortung über die Gemeinde trug. So  wird er in den folqenden Jahrhunderten immer wieder  einen Mönch als Pfarrer angestellt haben, der in seinem  Namen die Pfarrei leitete. Ermatinqen stand im Glanz  des Aufstieges und der Macht des kaiserlichen Klosters  Reichenau mit seinen hervorragenden Aebten Waldo,  Heito, Walafrid Strabo, Hatto 111.,der die damalige Welt  als Regent regierte und dem letzten wahrhaft grossen  Abte der Insel Berno. Es war eine Zeit des klösterlichen  Friedens, des grossen Wohlstandes und der religiösen  Blüte.

Kreuzkirche zu Mannenbach seit 1155

Am Weissen Sonntag 1155 liess Abt Frideloh von Heidegg in Mannenbach durch den Churer Bischof, den HI.  Adelgott, eine Kirche zu Ehren des HI. Kreuzes weihen  und schuf dadurch eine zweite Seelsorgsstelle für Ermatingen.  In Urkunden tauchen erst wieder im 13. Jahrhundert  Pfarrernamen wie Eberhard, Burkhard und Albert von  Salenstein auf. Damals wurde auch 1252 unser Dorf verbrannt, weil Bischof Eberhard 11.von Konstanz gegen  Abt Berchthold von St. Gallen Krieg führte.

Im 14. Jahrhundert kam die Unsitte auf, dass Pfründen  kumuliert wurden, d.h. dass ein einzelner Pfarrer verschiedene Pfarreien ohne Residenzpflicht innehaben  konnte und dies auch ohne die Priesterweihe empfangen zu haben. So waren bei uns Ulrich Pfefferhard, der  spätere Bischof von Konstanz, und Johann in der Bünd  tätig. Für uns war es ein grosser Segen, als Amalia Ott  am Hard unter Abt Werner von Rosenegg am 16.  November 1387 die Frühmesse zu Ehren der HI. Katharina stiftete. Dadurch wurde eine dritte SeelsorgesteIle  für Ermatingen geschaffen. Laut Urkunde von 1406 haben wir für Ermatingen vier Seelsorger, den Pfarrer  Konrad Kover, einen Pfarrhelfer, den Frühmesser und  den Kaplan in Mannenbach. In Triboltingen, das 1146  erstmals erwähnt wird, muss zudem jeden Sonntag 'ein  Domherr von Konstanz Gottesdienst halten.

Konzil von Konstanz 1414 bis 1418

Pfarrer Konrad Kover erlebte das Konzil von Konstanz,  das das abendländische Schisma beseitigte und die Reform an Haupt und Gliedern hätte in Angriff nehmen  müssen. Als der Pisaner Papst Johann XXIII. das Konzil  durch seine Flucht sprengen wollte, besuchte er am 20.  März 1415 unseren Pfarrer Konrad Kover, der ihn liebenswürdig aufnahm und mit Wein und Groppen bewirtete. In Erinnerung an diesen hohen Besuch feiern  wir in Ermatingen bis heute jedes Jahr am LaetareSonntag unsere Groppenfasnacht.

Ins 15. Jahrhundert fällt der Neubau und die Erweiterung unserer jetzigen Kirche. 1481 verkaufte Pfarrer Johannes Weibel das alte Pfarrhaus, um den Friedhof und  die Kirche erweitern zu können. Die Kirche wurde in  der heutigen Grösse 1489 eingeweiht und aus dieser  Zeit stammt auch das heutige evangelische Pfarrhaus.

Schwabenkrieg 1499

Viel Not und Elend brachte der Schwabenkrieg über  unser Dorf. Am 11. April 1499 überfielen uns in aller  Frühe die Konstanzer und Schwaben. Hauptmann Blunschi, der 400 Eidgenossen vorstand, wurde im Bett erschlagen. Die Soldaten wollten sich nun im Friedhof, in  der Kirche und beim Schloss Hard verteidigen. Doch  wurden sie von den Schwaben besiegt und viele unter  dem zusammenstürzenden Turm des Schlosses begraben. Burkhard von Randegg ritt hoch zu Ross in die Kirche und erschlug vor dem Hochaltar einen 70jährigen  Greis. Das Dorf und zum Teil auch die Kirche wurden  ein Raub der Flammen. Burkhard von Randegg war nicht  fähig, Zucht und Ordnung in seine Siegerhorden zu  bringen. Zuchtlos traten sie ihren Heimweg nach Konstanz an, wurden aber bei Triboltingen von den Eidgenossen, die von ihrem Hauptlager in Schwaderloh herbeieilten, angegriffen und vernichtend geschlagen. Burkhard von Randegg fiel und sühnte so seinen Frevel von  Ermatingen.

1528 wurde Ermatingen evangelisch

Zu einer grossen Wende kam es im 16. Jahrhundert. Unser Pfarrer Alexius Bertschin hatte in Konstanz zu St.  Stephan studiert und dort die Gedanken Martin Luthers  aufgenommen. Selbst der Konstanzer Generalvikar  Fabri war Luther sehr wohl gesinnt und erhoffte von  ihm eine wahre Reform der Kirche. Am Vorabend von  Allerheiligen 1517 schlug Luther an der Wittenberger  Universitätskirche seine 95 Thesen gegen den Ablass  an. Seine Ideen wurden auf Flugblättern durch die  frisch entdeckte Buchdruckerkunst in alle Welt hinausgetragen. 1522 führte auch Ulrich Zwingli in Zürich die  Reformation ein. Viele Thurgauer hätten sich gerne Luther und Zwingli angeschlossen, doch liessen dies die  Landvögte in Frauenfeld nicht zu. Um ihre Macht zu zeigen, wollten sie die evangelischen Pfarrer gefangen  nehmen lassen. Dabei hatten sie es vor allem auf unsern Pfarrer Alexius Bertschin und Pfarrer Oechsli auf  Burg abgesehen.

Als nun am 17. Juli 1524 Pfarrer Hans Oechsli auf Burg  von Landvogt Joseph Am Berg in der Nacht gefangen  genommen und nach Frauenfeld geführt wurde, entfloh  unser Pfarrer Alexius Bertschin nach Konstanz, wo er  erfolgreich an der Pauluskirche weiterwirkte. 

Als 1528 auch Bern den evangelischen Glauben annahm, verlangten Zürich und Bern freie Glaubensentscheidung der Gemeinden in den Untertanen länder.  Jetzt erhielten auch im Thurgau die Evangelischen ihre  Rechte. Die Ermatinger sprachen sofort in Zürich vor  und verlangten einen evangelischen Prediger. Sie erhielten ihren alten katholischen Pfarrer Alexius Bertschin jetzt als evangelischen Pfarrer zurück. Damit war  das Dorf fast einstimmig einverstanden. In der Kirche  entfernte man die Bilder und Altäre und verkaufte davon, soviel man konnte. Da auf der Kirche, die im  Schwaben krieg zerstört wurde und wiederaufqebaut  werden musste, noch eine grosse Bauschuld lastete,  verwendete man den Erlös zur Abtragung dieser Schuld  und befriedigte dadurch auch die Aussengemeinden.

Die Frühmesspfründe im Widerstreit

Da. die Gemeinde evangelisch geworden war, und niemand mehr die Messe wollte, gedachte Junker Kaspar  von Hallwil, Kollator der Frühmesspfründe, auch die  Frühmesse aufzuheben und ihre Güter an sich zu  ziehen. Davon aber träumte auch die Gemeinde, weil  bei Vakanzen ihr die Nutzniessunq zustand. Darum kam  es zu einem Schiedsspruch. Landvogt Philipp Brunner  von Glarus entschied 1531, dass die Pfründe bis zu  seinem Tode dem Kaplan gehöre, dass das Pfrundgut  auch weiterhin einem Kaplan erhalten bleiben müsse,  dass Kaspar von Hallwil nur das Kollaturrecht und die  Gemeinde' Ermatingen nur das Nutzungsrecht bei  Vakanz habe.

Als der Kaplan 1533 starb, übertrug Kaspar von Hallwil  schon am 12. August 1533 die Kaplanei dem evanoelischen Geistlichen Anton Räber von Bremgarten. Weil  er die Messe nicht mehr las, musste er den Sieristendienst versehen und die Jugend in der Heiligen Schrift  unterweisen. So können wir ihn als ersten Lehrer von  Ermatingen betrachten.

Ermatingen seit 1536 paritätisch

Gegen diese Besetzung der Frühmesspfründe protestierte der Reichenauer Abt Markus von Knöringen bei  den VII Orten. Darum wurde 1536 Anton Räber durch  den katholischen Geistlichen Hans Hopp ersetzt. Er war  Frühmesser und zugleich katholischer Pfarrer von Ermatingen, wie wir einer bischöflichen Urkunde von 1551  entnehmen können. Von da an war die Gemeinde paritätisch und ist es bis heute geblieben.

Pfarrer Bertschin war Lutheraner. Zürich aber wollte in  der ganzen Eidgenossenschaft die Lehre Zwinglis  durchsetzen. Darum bekam Bertschin in Ermatingen  Schwierigkeiten. So wenig aber 1529 eine Einigung zwischen Luther und Zwingli in Marburg an der Lahn zustande kam, so wenig liess sich Bertschin von Zwingli  umstimmen. Darum verliess er 1533 Ermatingen, ohne  dass man weiss, wohin er gegangen ist.

Die evangelischen Pfarrer

Bertschins Nachfolger Georg, Leo und Augustin Seemann, also Vater, Sohn und Enkel brachten Ruhe und  Ordnung in die evangelische Gemeinde. Sie fühlten  sich hier wohl und geborgen und standen auch in  einem guten Verhältnis zum Bischof und zu den katholischen Kollegen. Bald genossen die evangelischen  Pfarrer ein grosses Ansehen, so dass bereits Pfarrer  Hans Jakob Albertin auch noch Dekan wurde. Als  besonderer Prediger und Verfasser asketischer Schriften wird Pfarrer Johannes Tobler verehrt. Trauer und  Entsetzen aber löste am 20. Dezember 1869 die Nachricht aus, dass Pfarrer Jakob Ackermann bei einer  Schiffsexplosion in Berlingen ums Leben gekommen sei.  Besonders segensvoll wirkte in neuester Zeit Pfarrer  Walter Lutz, der darum während einer Legislaturperiode das höchste Amt der evangelischen Thurgauerkirche, nämlich das eines Synodalpräsidenten innehatte  und auch als Dekan wirkte.

Die katholischen Pfarrer

Auf katholischer Seite hat nur Pfarrer Ulrich Döldling  1633die Würde eines Dekans bekleidet und das Kapitel  Frauenfeld-Steckborn geleitet. Er hat auch die Gemeinde durch den Landvogt Johann von der Aliment verpflichten können, ihm wieder den Zehnten zu bezahlen.  Darum konnte man nach seinem Tode die Pfarr- und  Frühmesspfründe wieder getrennt besetzen lassen. Der  Frühmesser wohnte weiterhin im Pfrundhaus am Bach  und dem Pfarrer Matthias Plappert stellte man ein reichenauisches Zehntgebäude als Pfarrhaus zur Verfügung, und zwar das Haus, in dem später Kunstmaler  Herzog lebte.

Als grosse Renovatoren des Chores der Kirche dürfen  gelten: Pfr. Franz Pforzhaimer, der 1695 den Chor renovierte, Pfarrer Franz Josef Claus, der 1750 Ludwig Hermann beauftragte, die Chorfresken und etwas später einen neuen Hochaltar zu malen, Pfarrer FranzXaverTrub  der 1850 durch Valentin Egger von Konstanz drei neue  Altäre in gotischem Stil erstellen liess und schliesslich  Pfarrer Johann Kuner, der 1952 den heutigen Chor gestaltete und Kunstmaler Wanner beauftragte, die drei  Chorfenster mit den Bildern des guten Hirten, Marias  und Josefs zu schaffen. Als grosser und beliebter  Seelsorger darf Pfarrer Josef Bissegger angesprochen  werden. Als er 1862schwer erkrankte, betete das ganze  Volk um seine Genesung und die Jünglinge gingen  sogar für ihn wallfahren. Als er aber trotzdem starb  beweinten ihn alle. Ihm verdanken wir auch die erste  Geschichte unserer Pfarrei. Fast 50 Jahre wirkte bei  uns Pfarrer Johann Baptist Herzog und hinterliess ein  wohl geordnetes Archiv und viele wertvolle Notizen.  Dass später die Zeiten des Wirkens in Ermatingen kürzer waren, zeigt uns die Tatsache, dass sich noch vier  ehemalige Pfarrer unserer Pfarrei in Pension oder noch  anderwo im Amt befinden.

Dieser kurze Ueberblick über die Gemeinde und ihre  Seelsorger kann bei weitem nicht die einzelnen Schicksale erfassen. Er kann nur zeigen, dass die göttliche  Macht immer grösser ist als die menschliche  Schwäche, dass zu jeder Zeit grosse Kämpfe durchzufechten waren, dass das Böse das Gute immer besiegen  wollte und das zuletzt doch das Gute siegte. Kaum fasste das Christentum durch die Römer bei uns Fuss, wurde es durch die Alemannen wieder vernichtet. Aber  dennoch kehrte es zu uns durch die Franken siegreich  zurück. Als das ganze Abendland eine religiöse Einheit  geworden war, kam die Reformation und brachte der  alten Kirche ein Korrektiv. Um ein friedliches Zusammenleben der beiden Konfessionen zu gewährleisten, wurde Toleranz nötig. Bei uns wenigstens ist die  Reformation ohne Blutvergiessen und ohne Krieg durchgeführt worden, darum war auch von Anfang an ein  friedliches Zusammenleben möglich. 

Das möchte Frau Stettler, unsere Grafikerin, dadurch  zum Ausdruck bringen, dass sie die Umrahmung  unserer Pfarrer-Tafel mit ineinandergreifenden  Klammern gebildet hat. Zwei Konfessionen machen unsere Gemeinde aus. Sie müssen zusammenhalten und  miteinander um Christus, den Herrn ringen. Schliesslich wurden nur jene Pfarrer beider Konfessionen  glücklich, die von ihren Gemeindegliedern angenommen und getragen wurden, denn nur so konnten sie etwas zum Aufbau der Gemeinde beitragen. Die Gemeinde ist schliesslich das Empfehlungsschreiben eines  Pfarrers. Darum schreibt Paulus im 2. Korintherbrief 31  f: «Bedürfen wir etwa wie gewisse Leute Ernpfehlunqsbriefe an euch oder von euch? Ihr seid unser Brief geschrieben in unsere Herzen, erkannt und gelesen von  allen Menschen, weil über euch offenbar wird, dass ihr  ein Brief Christi seid, ausgefertigt durch unseren  Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem  Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln  sondern auf fleischerne Tafeln des Herzens.»

Was Paulus schreibt, gilt für jeden Pfarrer jeder Konfession. Wie gut, wenn der gute Geist einer Gemeinde in  die Welt hinausgetragen und bekannt wird! Wie glücklich ein Seelsorger, wenn seine Gemeinde von andern  gelobt wird! Wie ganz im Sinne des ökumenischen Rates und des 2. Vatikanischen Konzils, wenn es von einer  Gemeinde heisst, dass in ihr echte Oekumene walte  wenn sie getragen ist von der Liebe zu Christus und zu  den Mitmenschen auch wenn sie anders denken. Darum  sehen wir mutig in die Zukunft. Wir hoffen, dass es eine  Zukunft der guten Zusammenarbeit und des gegenseitigen Verstehens sei, dass wir Christus gemeinsam näher  kommen auf Grund unseres guten Willens von beiden  Seiten und der göttlichen Verheissung: «Vater, lass sie  eins sein!» Amen.

Die Flötenspielerinnen trugen schliesslich das Pastorale von Corelli  vor.